Der Gang nach Canossa
Der Streit eskaliert
Lies, wie die beiden Beteiligten die Geschehnisse darstellen.*
1. Papst Gregor sagt:
"Meine Amtszeit begann sehr unruhig. Viele wollten mich nicht als neuen Papst akzeptieren. Nun ja, daran bin ich nicht ganz unschuldig. Denn ich muss zugeben, dass ich nicht auf dem allerkorrektesten Weg Papst geworden bin. Laut des Papstwahldekretes hätten mich ja die Kardinäle zum Papst wählen müssen. So war es bei mir aber nicht. Ich habe mich einfach vom Volk ausrufen lassen. Eine tolle Veranstaltung war das! Als tausende Menschen die Arme hochrissen und meinen Namen riefen. Hach... Aber bei meinen Feinden gab es natürlich viele Diskussionen um diese Sache."
2. König Heinrich sagt:
"1073 wurde in Rom ein neuer Papst ernannt. Nicht etwa von den Kardinälen, nein! Der neue Papst hatte sich einfach vom Volk ausrufen lassen. Einen so ins Amt gekommenen Papst kann ich nicht ernst nehmen. Und bestimmt lasse ich mit von so jemandem nichts sagen.
Allerdings hat "Papst Gregor" gleich Streit mit mir gesucht. Ich hatte nämlich schon zwei Jahre zuvor meinen Vertrauten Gottfried als Bischof von Mailand eingesetzt. Das Problem: Gottfried war exkommuniziert. Klar war es nicht korrekt von mir, einen Exkommunizierten zum Bischof zu ernennen. Aber das war schon zwei Jahre her - was regt sich Papst Gregor jetzt noch darüber auf?"
3. Papst Gregor sagt:
"Ich habe dem König Heinrich jedenfalls mitgeteilt, dass ich Gottfried nicht als Bischof von Mailand akzeptiere. König Heinrich hat meine Kritik überhaupt nicht ernst genommen. Er hat sich mir gegenüber sehr respektlos verhalten. Ich habe vor Wut gekocht. Was habe ich gemacht? Ich habe schnell ein Gesetz verfasst, das Dictatus Papae. Klingt toll, was? Und was stand drin, in meinem Gesetz? Dass der Papst, also ich, von nun an alle weltlichen Herrscher absetzen darf, und zwar auch Könige! Clever, oder? So, Problem gelöst!"
4. König Heinrich sagt:
"Dann kam ja dieses alberne Dictatus Papae. Das war doch ein Witz! Was habe ich mit meinen Gefolgsleuten über diesen Quatsch gelacht. Das konnte ich gar nicht ernstnehmen. Nun ja, um nun meine Gutmütigkeit zu beweisen und den Streit nicht eskalieren zu lassen, wollte ich einen Schritt auf den Papst zugehen. Ich habe Gottfried die Bischofswürde aberkannt. Allerdings habe ich aber gleich einen neuen Bischof für Mailand bestimmt, und zwar einen guten Mann aus meinem Hofstaat. Ich habe den Papst nicht nach seiner Meinung gefragt - warum auch?"
5. Papst Gregor sagt:
"Als ich erfahren habe, dass Heinrich einen neuen Bischof in Mailand eingesetzt hat - wieder ohne mich zu fragen - hat es mir endgültig gereicht. Als Warnung habe ich einige seiner Berater exkommuniziert. Und ich habe ihm einen Brief geschrieben, in dem ich ihn aufgefordert habe, mir zu gehorchen."
6. König Heinrich sagt:
"Dann habe ich diesen Brief bekommen, von wegen ich soll dem Papst gehorchen. Als wäre ich ein kleines Kind! Außerdem hat der Papst einige meiner Berater exkommuniziert. Diese Maßnahmen haben mich in meiner Königswürde total angegriffen. Wie kann ein Papst so respektlos mit mir umgehen? Zum Glück liefen gerade die Planungen für den nächsten Hoftag, der am 24. Januar 1076 in Worms stattfinden sollte. Ich wusste, dass ich dort alle wichtigen Fürsten und Bischöfe des Reiches treffen würde. Eine prima Gelegenheit, alle wichtigen Personen auf meine Seite zu ziehen. Ich habe in Worms alle gebeten, sich auf meine Seite zu stellen und sich mit mir gegen den Papst zu verbünden. Das hat gut geklappt: 24 Bischöfe und 2 Erzbischöfe haben mir ihre Unterstützung zugesichert - das war die Mehrheit der geistlichen Würdenträger! Gemeinsam haben wir einen Brief an Papst Gregor geschrieben. Hier könnt ihr den ganzen Brief lesen. Kurz zusammengefasst haben wir den Papst erst einmal gar nicht mit seinem Papstnamen angesprochen, weil er ja gar nicht rechtmäßig Papst wurde. Statt "Gregor" haben wir ihn "Hildebrand" genannt. Dann haben wir ihn aufgefordert, vom Papststuhl herabzusteigen. Unser Brief endete mit "Steige herab, steige herab!"
7. Papst Gregor sagt:
"Als mir der Brief zugestellt wurde, den Heinrich mit seinen Verbündeten gegen mich verfasst hatte, bin ich regelrecht in Schockstarre verfallen. Ich war fassungslos über diese Respektlosigkeit. Das schlimmste war, dass sich dieser Streit mittlerweile in ganz Europa herumgesprochen hatte. Ganz Rom tuschelte über Heinrichs Brief und wartete nun gespannt auf meine Reaktion. Zu dieser Zeit fand in Rom gerade die Fastensynode statt, so dass tausende Besucher in der Stadt waren. Auf einer Kundgebung vor den Massen habe ich bekanntgegeben, dass ich König Heinrich mit dem Kirchenbann belege."
8. König Heinrich sagt:
"Falls ihr jetzt wissen wollt, was meine nächste Aktion war, muss ich euch enttäuschen. Ich konnte nichts mehr machen. Durch den Kirchenbann war ich von einer Minute auf die andere machtlos. Denn ohne die Unterstützung durch die Kirche konnte ich mein Land nicht mehr regieren. Im Kirchenrecht heißt es: Wer mit Gebannten umgeht, wird selbst mit dem Kirchenbann bestraft. Keiner meiner Untertanen musste jetzt noch meinen Befehlen gehorchen. Schlimmer noch - wer mir gehorchte, machte sich strafbar! Damit hatte es der Papst geschafft, mir all meine Macht zu entziehen. Und wo waren meine verbündeten Bischöfe, die mir auf dem Hoftag ihre Hilfe zugesagt hatten? Sie wendeten sich von mir ab , denn sie waren nun selbst in großer Gefahr. Der Papst würde sie hart bestrafen, weil sie den Brief gegen mich unterschieben hatten. Und was war mit den weltlichen Fürsten im Reich? Die dachten nicht daran, mir zu helfen. Statt dessen entfachte unter ihnen eine hitzige Diskussion, wer von ihnen der nächste König werden sollte. So schnell war ich für sie vergessen. Allerdings war noch nicht alles für mich verloren. Am Ende des Jahres 1076 beschlossen die Fürsten, mir noch eine Chance zu geben: Ich bekam ein Jahr Zeit, den Kirchenbann zu lösen und mich mit dem Papst zu versöhnen. Wenn ich das nicht schaffen würde, wäre ich die Königskrone los..."
9. Papst Gregor sagt:
"Cleverer Schachzug von mir, die Sache mit dem Kirchenbann, oder? Damit wäre wohl die Frage geklärt, wer mächtiger ist. Natürlich ich! Ohne die Gunst des Papstes konnte kein König regieren! Und wer so einen Machtkampf anzettelt wie dieser unverschämte König Heinrich, der muss wieder auf den Boden geholt werden. Es muss bitter für den König gewesen sein, als sich all seine treuen Verbündeten von ihm abgewendet haben. Immerhin gaben sie ihm ein ganzes Jahr, sich mit mir zu versöhnen. Trotzdem planten wir für den Februar 1077 ein gemeinsames Treffen in Augsburg, die fränkischen Fürsten und ich. Wir wollten einfach mal so interessehalber überlegen, wer der Fürsten als neuer König in Frage käme. Das war wirklich nicht gegen Heinrich gerichtet! Eingeladen haben wir ihn aber nicht. Ich begab mich also auf den beschwerlichen Weg von Rom nach Augsburg. Besonders die Alpenüberquerung mitten im Winter war eine Tortur."
10. König Heinrich sagt:
"Nun hatte ich begriffen, dass ich zu weit gegangen war. Wenn ich König bleiben wollte, musste ich mich mit dem Papst versöhnen. Ich hatte gehört, dass er sich mit den fränkischen Fürsten in Augsburg treffen wollte. Ich konnte mir schon denken, worum es bei diesem Treffen gehen würde - natürlich um meine Nachfolge! Das musste ich verhindern. Ich musste den Papst unbedingt abfangen, bevor er in Augsburg eintraf. Im tiefsten Winter setzte setzte ich mich mit meiner Familie und dem Gefolge in Bewegung. Besonders beschwerlich war die Überquerung der Alpen. Zumal Herzöge, die mir feindlich gesinnt waren, die besten Wege durchs Gebirge versperrt hatten. Wir mussten die längsten und gefährlichsten Wege nehmen."
11. Ein Augenzeuge berichtet:
„Sie krochen bald auf Händen und Füßen vorwärts, bald stützten sie sich auf die Schultern ihrer Führer. Manchmal auch, wenn ihr Fuß auf dem glatten Boden ausglitt, fielen sie hin und rutschten ein ganzes Stück hinunter. Schließlich gelangten sie doch unter großer Lebensgefahr in der Ebene an. Die Königin und die anderen Frauen ihres Gefolges setzten sie auf Rinderhäute und zogen sie darauf hinab.“
12. Papst Gregor sagt:
"Ich legte auf meiner langen, beschwerlichen Reise nach Augsburg einen Zwischenstopp bei meiner lieben Freundin Margarete von Tuszien ein. Sie lebte auf der Burg Canossa, in Oberitalien. Wir hatten erfahren, dass König Heinrich mit seinem Gefolge auf dem Weg zu mir ist. Auch der Abt des Klosters Cluny war angereist. Dieser Abt war der Taufpate von Heinrich und legte bei mir ein gutes Wort für den König ein. Vom Burgturm aus beobachteten wir drei, wie der Tross die Burg ansteuerte. Es war ein jämmerlicher Anblick, alle schienen sich mit letzten Kräften zur Burg zu schleppen."
Dieses berühmte Bild den König Heinrich (hockend) vor der Gräfin Margarete und dem Abt von Cluny. Heinrich bittet die beiden, beim Papst ein gutes Wort für ihn einzulegen.
13. Papst Gregor sagt:
"Natürlich würde ich mir anhören, was König Heinrich mir zu sagen hätte. Aber nach meinen Bedingungen! Ich ließ mitteilen, dass Heinrich seine königlichen Gewänder ablegen solle. Und dann sollte er erst einmal warten..."
14. Ein Augenzeuge berichtet:
„Hier stand er nach Ablegung der königlichen Gewänder ohne alle Abzeichen der königlichen Würde, ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuß und nüchtern, vom Morgen bis zum Abend. So verhielt er sich am zweiten, so am dritten Tage. Endlich am vierten Tag wurde er zu Gregor vorgelassen, und nach vielen Reden und Gegenreden wurde er schließlich vom Bann losgesprochen.“
15. König Heinrich berichtet:
"Die Alpenüberquerung bei eisiger Kälte war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Und das Schlimmste, was ich meiner Familie antun konnte. Welch ein Glücksgefühl, als wir von weitem die Burg Canossa erblickten. Nach drei Tagen Warten vor dem Burgtor wurde ich endlich zum Papst vorgelassen. Nach zähen Gesprächen erklärte sich der Papst bereit, mich vom Kirchenbann zu befreien. So schlimm die Reise war, konnte ich wenigstens als rechtmäßiger König ins Frankenreich zurückkehren."
*Die Sprechtexte von König und Papst sind frei erfunden, basieren aber auf den historischen Ereignissen. Nur die Augenzeugen-Berichte sind "echte" Quellen.
Aufgabe:
Lies den Verlauf des Streites gründlich.
Fasse die Ereignisse rund um den Gang nach Canossa zusammen.
Für jeden Textabschnitt darfst du nur einen Stichpunkt schreiben, dieser darf nur eine Zeile lang sein.