Der Versailler Vertrag
In den chaotischen Wintermonaten 1918/19 galt immer noch der Waffenstillstand von Compiegne. Darauf musste noch ein dauerhafter und verbindlicher Friedensvertrag folgen. Die Arbeit an diesem Friedensvertrag begann im Januar 1919 - also genau zu der Zeit, als die neue Verfassung für ein demokratisches Deutschland ausgearbeitet wurde. Die Friedensbestimmungen werden von nun an wie ein tonnenschwerer Rucksack auf der jungen Republik lasten.
Der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau leitete die Konferenz, auf der die Friedensbewegungen ausgearbeitet werden sollten. Sein Motiv war Rache: Deutschland sollte für die französischen Opfer und für die großen Zerstörungen bezahlen und so heftig bestraft werden, dass es dauerhaft ausgeschaltet wird und bestenfalls nie wieder auf die Beine kommt.
Der Friedensvertrag sollte so gestaltet werden, dass die Bedingungen unmittelbar zur wirtschaftlichen Schwächung Deutschlands führen. Die Franzosen störten sich auch an einem Ungleichgewicht an Energiereserven: Frankreich verfügte über 18 Milliarden Tonnen Kohle, Deutschland über 423 Milliarden Tonnen.
Die Verbitterung über die Kriegsschäden und das Gefühl der Benachteiligung verleitete nun den französischen Ministerpräsidenten und den Staatspräsidenten, untragbare Friedensbedingungen auszuarbeiten. Auch andere an der Konferenz beteiligte Vertreter der Siegermächte empfanden die Friedensbedingungen als unhaltbar. Dieser Vertrag könnte keinesfalls einen Frieden sichern, sondern würde nur die nächsten Rachepläne hervorrufen. Viele traten mit Bedenken und Warnungen an die französischen Entscheider heran. Doch da Frankreich die größten Kriegsschäden erlitten hat, wollte ihnen keiner das Recht nehmen, die Friedensbedingungen festzulegen.
Die Friedensbedingungen
Im Frühsommer 1919 waren die Friedensbedingungen fertig und umfassten ganze 440 Artikel. Darunter waren erwartbare und notwendige Forderungen, aber auch Klauseln, die der einfachen Demütigung des Feindes galten:
- Einige Gebiete sollten komplett abgetreten werden (z.B. Elsass-Lothringen).
- In einigen Gebieten sollte die Bevölkerung abstimmen, zum welchem Land sie gehören wollten (z.B. das Saarland).
- Einige deutsche Gebiete sollten von den Franzosen besetzt und kontrolliert werden (z.B. das Ruhrgebiet).
- Deutschland verlor alle Kolonien in Übersee.
Zusätzlich sollte Deutschland Reparationen bezahlen, deren Höhe aber zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Friedensvertrages immer noch nicht konkret beziffert waren . Die genaue Höhe wurde später in Einzelkonferenzen - nach der Unterzeichnung - festgelegt:
- 132 Milliarden Goldmark verteilt auf 37 Jahre
- 26 Prozent des Exportgewinns
- 10 Jahre lang jährlich 45 Millionen Tonnen Kohle
- nach den 10 Jahren jährlich 35 Tonnen Kohle
- 5000 Lokomotiven und 150 000 Waggons
- die komplette deutsche Handelsflotte
- eine halbe Million Nutztiere
- alle überseeischen Fabriken
- vollständige Demilitarisierung
Dazu kam die Forderung der vollständigen Demilitarisierung Deutschlands gemäß der sogenannten „Wehrlosigkeitsklausel“. Das deutsche Heer musste auf 100 000 Mann abgerüstet werden, nur noch 15 000 Marinesoldaten waren erlaubt. Der große Generalstab mustes aufgelöst werden. Die Kriegsflotte und der Großteil des Kriegsmaterials mussten abgeliefert werden. Außerdem sollten alle Festungen bis 50 Kilometer östlich des Rheins abgerissen, eingeebnet oder gesprengt werden.
Das alles wurde damit gerechtfertigt, dass Deutschland und seine Verbündeten die alleinigen Urheber für alle Verluste und Schäden seien. Die Mittelmächte hätten allen anderen den Krieg „aufgezwungen“. Das war natürlich eine himmelschreiende Lüge und wurde schon damals sehr skeptisch gesehen – auch von Vertretern der Alliierten. Die Friedensbedingungen zeugten von großer Rachlust und Verbitterung der Verfasser.
Leider war es so, „dass die Sieger glauben, sie könnten ihre ganze Wirtschaft vom Besiegten sanieren lassen und ihn bei der Gelegenheit gleich als Konkurrenten aus dem Feld schlagen – möglichst für das ganze nächste Jahrhundert. Das zeugt von einer tragischen volkswirtschaftlichen Ahnungslosigkeit unter all diesen Berufspolitikern. In einem wirtschaftlich eng verflochtenen, hochindustrialisierten Kontinent kann nicht einer zugunsten der anderen ausgeplündert werden, ohne dass alle auf die Dauer mitgeschädigt werden.“ (1)
Außerdem waren die Forderungen unrealistisch und unlogisch. Um die verlangten Zahlungen leisten zu können, hätte Deutschland einen Exportboom erzeugen müssen. Doch der Außenhandel wurde durch den Versailler Vertrag stark eingeschränkt, wenn nicht unmöglich gemacht. Die Forderungen des Versailler Vertrages widersprechen sich also gegenseitig und sind von Anfang an nicht erfüllbar.
Georges Clemenceau übergab den fertig ausgearbeiteten Friedensvertrag den deutschen Delegierten mit den boshaften Worten: „Die Stunde der Abrechnung ist da. Sie haben uns um Frieden gebeten. Wir sind geneigt, ihn Ihnen zu gewähren. Wir übergeben Ihnen das Buch des Friedens.“
Der französische Marschall Foch kommentierte den Friedensvertrag schon fast prophetisch: Er wäre kein Friede, sondern ein Waffenstillstand, der vielleicht zwanzig Jahre halten werde. Er sollte Recht behalten.
Die Unterzeichnung
Schon der Ort der Vertragsunterzeichnung war eine einzige Provokation. Wir erinnern uns: Im Jahr 1871 riefen die deutschen Fürsten nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg ihr Kaiserreich aus – ausgerechnet im Spiegelsaal von Versailles, dem „Heiligtum“ der Franzosen. Für die Franzosen war das eine große Demütigung. Die sollte nun zurückgezahlt werden: Denn die Deutschen sollten den Friedensvertrag genau am gleichen Ort unterzeichnen – im Spiegelsaal von Versailles…
Die Reaktionen
Als der Reichskanzler Philipp Scheidemann von den Friedensbedingungen erfuhr, war er so empört, dass er demonstrativ sein Amt niederlegte. Überall in Deutschland gab es Proteste und Demonstrationen. Doch das änderte nichts an den Bestimmungen des Versailler Vertrages . Die SPD war die stärkste Kraft und stand in der Verantwortung. Unterzeichnet Deutschland den Vertrag nicht, stand ein Einmarsch alliierter Truppen im Raum. Wiederwillig reisten der neue Außenminister Müller und der Verkehrsminister Bell nach Versailles und leisten ihre Unterschriften.
Später wurden die Unterzeichner – und mit ihnen die ganze politische Linke - als „Novemberverbrecher“ beschimpft. Wie ein Fluch wird die Unterzeichnung des Friedensvertrages in den Folgejahren an der SPD und anderen linken Parteien kleben.
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Die Vertreter anderer Siegermächte...
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"Schicksalsort Versailles": ...
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Hätten die Deutschen den Versailler Vertrag nicht unterzeichnet, ...
b) Was waren die Reaktionen in Deutschland auf die Friedensbedingungen, als diese bekannt wurden? Beziehe auch das Foto mit ein.
Die Reaktionen der Deutschen: ...
8. Erkläre den Begriff "Novemberverbrecher". Was bedeutet er und welche Vorwürfe stecken in dem Begriff?
Novemberverbrecher: ...