Die Dolchstoßlegende 

 

Das unrühmliche Kriegsende

Rückblick: An einem Septembertag im Jahr 1918 sitzt General Erich Ludendorff wieder einmal über seinen Karten. Darauf sind Frontverläufe eingezeichnet und die Durchbrüche des Feindes. Ludendorff wird beim Kartenstudium klar, dass der Krieg verloren ist. Der entscheidende Durchbruch der Alliierten steht kurz bevor, an der Normandie-Küste sind 1,5 Millionen amerikanische Soldaten gelandet – frisch und unverbraucht, bestens ausgestattet. Die Amerikaner haben sich schon in Richtung Westfront in Bewegung gesetzt. Der Zusammenbruch ist nur noch eine Frage der Zeit.

Von Hindenburg und Ludendorff beim Kartenstudium

In der Erwartung der Niederlage richtet General Ludendorff ein Waffenstillstandsgesuch an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Als Gesprächsbasis schlägt Ludendorff das 14-Punkte-Programm vor, das Wilson im Januar 1918 verfasst hatte. Dieser Friedensplan sollte damals allen Beteiligten das Gesicht wahren und von allen Zugeständnisse einfordern. Mit dem 14-Punkte-Plan wären die Deutschen einigermaßen ehrenvoll aus dem Krieg kommen. Das Problem: Es ist jetzt September. Die Lage Deutschlands hat sich durch die gescheiterte Schlussoffensive des deutschen Heeres dramatisch verschlechtert. Keiner auf der Seite der Alliierten ist noch bereit, auf Basis der "14 Punkte" zu verhandeln. 
Ludendorff hat auch Anweisungen an die Heimat: Er wünscht eine schnelle Wiedereinsetzung des Parlaments. Nachdem in den letzten vier Jahren die deutsche Innenpolitik quasi außer Kraft gesetzt wurde, darf das Parlament nun wieder tagen. Eine äußerst clevere Idee von Ludendorff - denn nun müssen die Politiker die Verantwortung für die Abwicklung der Niederlage übernehmen.


Seinen Offizieren erklärt Ludendorff stolz: „Ich habe aber seine Majestät gebeten, jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu verdanken haben, dass wir so weit gekommen sind. (…) Die sollen nun den Frieden schließen, der geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben.“  (1)

Von Hindenburg äußerte sich ähnlich: "Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen, so stürzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken." (2)


Die Nachrichten breiten sich wie ein Lauffeuer aus, auch in der deutschen Heimat. Die Abgeordneten nehmen die Nachricht fassungslos auf und verfallen in eine regelrechte Schockstarre. Zwar wurde über die Jahre und vor allem in den letzten Monaten die Siegenzuversicht immer kleiner, aber dass das deutsche Heer kurz vor der Niederlage steht, ahnt keiner. Schockstarre herrscht auch an den deutschen Stammtischen, an den Universitäten, in den Heimatkasernen und in jeder deutschen Familie. Für alle ist die bevorstehende Niederlage eine völlig neue Situation.

 

Verdrehte Tatsachen

In den Zeitungsredaktionen herrscht Ratlosigkeit. Die Presse, seit 4 Jahren streng kontrolliert und zensiert wird, darf nun immer noch nicht schreiben, was Sache ist. Stattdessen bekommen die Redaktionen von der Regierung eine klare Anweisung: Die Zeitungen sollen verbreiten, dass nicht die Oberste Heeresleitung, sondern die deutsche Regierung das Ende des Krieges erzwungen hätte.

Die Regierung nimmt an dieser Stelle eine Last auf sich, die eigentlich die Heeresleitung hätten tragen müssen. In den vier Kriegsjahren war das Parlament außer Kraft gesetzt und konnte keine Entscheidungen treffen – schon gar nicht welche, die das Kriegsgeschehen betrafen. Und nun bietet sich die Regierung als Sündenbock für die bevorstehende Niederlage an – um die Ehre des Militärs zu wahren. Der Heeresleitung und den Soldaten soll die Schande erspart werden, die Wut der Deutschen soll sich nicht gegen die heimkehrenden Soldaten richten.

Stattdessen behaupten Regierungsvertreter, die kriegsmüden Menschen in der Heimat hätten sie veranlasst, die Alliierten um Frieden zu bitten.


Die Unterzeichnung

Im November begibt sich eine deutsche Delegation unter der Führung von Matthias Erzberger nach Frankreich und unterzeichnet am 11. November 1918 auf Drängen der Obersten Heeresleitung das vorläufige Waffenstillstandsabkommen.

 

 

Die Lüge

Ludendorff vergisst sehr schnell, dass er es war, der den Frieden herbeiführen wollte. Stattdessen behauptet er, genau wie General von Hindenburg, das Heer sei „im Felde unbesiegt“, man habe es „von hinten erdolcht“. Und wer hat es von hinten erdolcht? Da hat Ludendorff viele Ideen: Es waren die Sozialisten, die Sozialdemokraten, die Juden und die Verantwortlichen der Novemberrevolution.

Darstellungen der Dolchstoßlegende aus der Zeit des Nationalsozialismus. Hier sind es die (soziademokratischen) Politiker...

... und hier ist es eine jüdische Person.

Zusammenfassung

Für die Oberste Heeresleitung war die Niederlage bitter und blamabel. Erst recht, weil sie über Jahre falsche Meldungen in die Heimat gesendet hatten, in denen sie die Situation beschönigten. 

Um in der Heimat besser dazustehen, deuteten die Generäle die Ereignisse komplett um. Sie behaupteten, dass demokratische Politiker, Sozialisten und Juden die Niederlage herbeigeführt hätten. Die Nationalsozialisten griffen diese Mythen später immer wieder auf und schürten noch mehr Hass gegen die angeblichen Schuldigen.

1. Wovon erzählt die Dolchstoßlegende und wer hat angeblich wem den Dolch in den Körper gerammt?

2. Stelle in einer Tabelle gegenüber:
- die Ereignisse am Kriegsende
- die Verdrehung der Ereignisse durch die Oberste Heeresleitung
 
3. Erkläre die drei Darstellungen aus der nationalsozialistischen Propaganda.

Quellen:
(1) Dr. Christian Zentner u.a.: Große Geschichte des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkrieges. Naturalis Verlag (1989), darin: Es lebe die Republik!, S. 9ff.

(2) Joachim Mohr u.a. (Hg.): Deutschland in den Goldenen Zwanzigern. Von schillernden Nächten und dunklen Tagen. Spiegel Buchverlag (2021), darin: Keine Helden, nirgends. S. 60.