Verbände und Vereine weisen den Weg…

 

Die Regierungszeit Wilhelms II. war durch eine spezielle Gesinnung geprägt, die dieser selbst am meisten befeuerte. Diese Gesinnung beinhaltete einen starken Kaiserkult mit vielen Festlichkeiten und Militärparaden zur Ehrung des Kaisers und des Deutschen Kaiserreiches. Außerdem gab es viele Bewegungen, die bei den Bewohnern des sehr jungen Kaiserreiches ein Gemeinschaftsgefühl und einen Nationalstolz manifestierten. Diese Bewegungen konstruierten eine gemeinsame (Erfolgs-)Geschichte und förderten gemeinsame Traditionen und Bräuche. 

Die Menschen hätten sich auch in den Parteien engagieren können und ihr Land auf der politischen Ebene mitgestalten können, doch sie hegten gegenüber der Politik und den Parteien großes Misstrauen und zogen die Mitarbeit in Vereinen und Verbänden vor.

 

Hier einige Beispiele für Vereine und Verbände zur Kaiserzeit:

 

Im Jahr 1894 wurde der „Deutsche Patriotenbund“ gegründet. Dieser setzte sich für den Bau eines Völkerschlachtdenkmals am historischen Schlachtort ein. Der Deutsche Patriotenbund war streng vaterländisch ausgerichtet und zog Mitglieder aus Turn-, Sänger-, Militär- und Schützenvereinen an. Die national gesinnte Presse rührte für den neuen „Deutschen Patriotenbund“ ordentlich die Werbetrommel, so dass er nach einem Jahr schon 45 000 Mitglieder hatte. Der Verein sammelte fleißig Spenden für das geplante Denkmal, dass 1898 tatsächlich gebaut wurde. Als der Bau des Denkmals geschafft war, kümmerte sich der Deutsche Patriotenbund um den Erhalt des Denkmals und den Verkauf von Völkerschlacht-Souveniren.  Schon bald konnte der Deutsche Patriotenbund 100 000 Mitglieder verzeichnen.

 

Auch der „Alldeutsche Verband“ war stark nationalistisch ausgerichtet. Er setzte sich für den Erwerb von Kolonien und für den Ausbau der deutschen Flotte ein und rührte für beide Initiativen kräftig die Werbetrommel. Außerdem war der Verband streng und offen antisemitisch. Besonders durch den Ausschluss von selbst festgelegten Minderheiten wollte der „Alldeutsche Verband“ ein deutsches Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Im Ersten Weltkrieg machte der Alldeutsche Verband dann durch besonders radikale Kriegszielprogramme und wirre Annexionspläne auf sich aufmerksam.

 

Auch der „Bund der Landwirte“ war nationalkonservativ  geprägt. Dieser Verein trat für den Schutz der heimischen Landwirtschaft ein und forderte die Anerkennung der Landwirtschaft als erstes und wichtigstes Gewerbe. Der Verein forderte 

  • den Schutz der Kleinbauern gegenüber großer Agrarbetriebe, 
  • den Schutz kleiner „Tante-Emma-Läden“ gegenüber großer Warenhausketten, 
  • Beschränkungen für ausländische Getreideimporteure, 
  • eine verschärfte Seuchenkontrolle bei Fleischimporten. 


Neben diesen Sachzielen trat der Bund der Landwirte als monarchistisch auf. Der Bund sprach sich gegen das Parlament, die Demokratie und den Sozialismus aus. Außerdem war der Bund offen antisemitisch und betrieb massive Hetze bei der Landbevölkerung gegen jüdische Händler und Geldverleiher.

Der „Deutschnationale Handlungsgehilfenverband“ vertrat die Interessen der Angestellten, war völkisch orientiert und verwehrte Juden und Frauen die Mitgliedschaft.

 

Wie auch der „Deutsche Flottenverein“ verlangte der „Deutsche Wehrverein“ eine schnelle Aufrüstung des Kaiserreiches. Außerdem organisierte der Deutsche Wehrverein ein geselliges Programm, bestehend aus Bierabenden, Fahrten zu den Schlachtfeldern und patriotischen Festen. 

 

Der „Deutsche Jugendverband“ organisierte die körperliche Ertüchtigung junger Männer und hatte dabei die Stärkung der Wehrkraft des Kaiserreiches im Blick.

 

Auch der 1911 gegründete „Jungdeutschland-Bund“ betonte die große Bedeutung der Jugend für kommende Kriege und legte ein Programm zur Wehrerziehung auf. Der Gründer des Jungdeutschland-Bundes Wilhelm Leopold Colmar von der Goltz hatte schon 1883 in seinem Buch „Das Volk in Waffen“ dargelegt, dass die Stärke einer Nation durch die Einsatzbereitschaft und Risikofreude der Jungen bestimmt wird. Zwei Jahre nach der Gründung hatte der „Jungdeutschland-Bund“ schon 500 000 Mitglieder.

 

Die Ausrichtung des „Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie“ muss nicht näher erklärt werden.

 


Zusammenfassung

Das Grundprinzip ist deutlich erkennbar: Alle Vereine überhöhen die deutsche Nation, verklären gemeinsame Erfolge, festigen gemeinsame Traditionen und Bräuche. Die Vereine liebäugeln geradezu mit militärischer Stärke und einer kriegerischen Auseinandersetzung. Gleichzeitig lehnen sie die Demokratie, die individuelle Freiheit und überhaupt alles Moderne ab. Viele Deutsche waren in mehreren Vereinen organisiert.

Die Funktionäre der Vereine waren untereinander gut vernetzt und pflegten gute Kontakte zu Regierungsvertretern. Die Vereinskultur unter Wilhelm II. war ein dichtes Netz aus Meinungsmachern, Militärs und Lobbyisten, die gemeinsam die Politik und die Entwicklung des Kaiserreiches „durch die Hintertür“ prägten.


Der „Wandervogel“

Die Jugendbewegung „Der Wandervogel“ unterschied sich in seiner Programmatik deutlich von den bisher vorgestellten Bewegungen. Der Wandervogel wurde 1896 in Berlin-Steglitz gegründet und richtete sich an Jugendliche, die mit dem Großstadtleben, der Modernisierung und dem Leben in der Industriegesellschaft haderten. Der Wandervogel versprach den Jugendlichen, dass es ein Leben außerhalb der grauen, kalten Großstadt mit ihren rauchenden Fabrikschloten gibt – nämlich das Leben in der Natur! Man zog mit

mit Klampfe, kurzer Hose und Sporthemd durch die deutschen Wälder und träumte von einer besseren Gesellschaft. Der Wandervogel lehnte den Militarismus und die Kriegsverherrlichung ab, haderte aber auch bei der Frage, ob man Juden in den Bund aufnehmen sollte oder nicht. Nach intensiven Diskussionen wurde beschlossen, dass jede Ortsgruppe selbst über die Aufnahme von Juden entscheiden sollte.