Kriegsbegeisterung
Europa um 1900
Nach dem Attentat von Sarajevo hielt ganz Europa den Atem an. Der Kontinent glich damals einem Pulverfass. Viele Konflikte lagen in der Luft:
1904/05 kam es zur Niederlage Russlands im Russisch-Japanischen Krieg.
1904 töteten Deutsche fast das gesamte Herero-Volk in der Schlacht am Waterberg in "Deutsch-Südwestafrika".
1905/06 kam es zur ersten Marokkokrise, weil Deutschland und Frankreich um die Macht über Marokko stritten. Frankreich setzte sich mit der Hilfe Englands durch.
1911 kam es zur zweiten Marokkokrise, bei der sich wieder Frankreich gegenüber Deutschland durchsetzte.
1912 13 verlor das Osmanische Reich in den Balkan-Kriegen all seine europäischen Territorien.
Ungeklärte Fragen
Russland, das große Land, welches im Osten an Europa angrenzte, suchte noch seinen Platz im europäischen Machtgefüge.
Österreich-Ungarn war ein großes, junges Land ohne gewachsene gemeinsame Identität. Nachdem Bismarck Österreich aus dem Deutschen Reich hinausgedrängt hatte, schlossen sich die Österreicher mit Ungarn zusammen. Das aus der Not heraus entstandene Konglomerat war nun ein Flickenteppich vieler Volksgruppen und Minderheiten - ohne gemeinsame Geschichte und Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Österreicher fühlten sich dem Deutschen Reich viel stärker verbunden, schließlich bildeten Deutsche und Österreicher tausend Jahre lang gemeinsam das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation".
Kriegsverherrlichung
Die deutschen Erfolge in den Kriegen gegen Frankreich und Österreich hatten eine Verherrlichung des Militärwesens und des Kriegeführens ausgelöst. In der Bismarck-Zeit bestimmten die Begeisterung für den Krieg, für Soldatentugenden, Uniformen, Paraden und Waffen das Alltagsleben der Menschen. Sehnsüchtig wartete man auf ein Kräftemessen auf dem Schlachtfeld.
Es geht los
Und dann das "Startsignal" - das Attentat von Sarajevo. Der wie eine Wolke über den Menschen schwebende große Krieg war plötzlich ganz nah.
In ganz Europa tagelanges Abwarten. Dann die Gewissheit in Form von vielen gegenseitigen Kriegserklärungen und Mobilmachungen. Alles geriet in Bewegung. Aktive Soldaten und Reservisten begaben sich pflichtgemäß zu ihren Truppenstandorten und von dort aus schon bald in Richtung Front.
Die Kriegsfreiwilligen
Doch auch bei den Jungen, die zu diesem Zeitpunkt noch keinen Einberufungsbefehl erhielten, entluden sich Vorfreude und Abenteuerlust. Keiner von ihnen wusste, was "Krieg" bedeutet. Sie hatten nur vage Vorstellungen von spannenden Erlebnissen, Zusammenhalt und Kameradschaft. Sie kannten die Heldengeschichten ihrer Väter und Großväter und wollten deren Erwartungen erfüllen.
Die Kriegsbegeisterung jener Tage erfasste und vereinte alle Deutschen. Das Kaiserreich war noch keine 40 Jahre alt, es hatte sich noch kein gemeinsamer Nationalstolz herausgebildet. Preußen sahen sich als Preußen und Bayern sahen sich als Bayern. Außerdem gab es große soziale Unterschiede im Reich. Ansehen genossen nur Großbürgerliche und Adlige. Der Kaiser machte kein Geheimnis daraus, dass er die Arbeiterschicht verachtete. Doch nun war Krieg und auf dem Schlachtfeld waren alle gleich. Der Kaiser brauchte jeden kampftauglichen Mann und zollte plötzlich auch armen Arbeitern Respekt. Ob Bayern oder Preußen, ob arm oder reich - alle waren nun "Deutsche" und konnten sich gar nicht genug mit dem Kaiserreich und dem Krieg identifizieren.
Abenteuerlust und Gemeinschaftsgefühl waren die wichtigsten Gründe dafür, dass sich gerade die jungen Männer für den kommenden Krieg begeisterten. Ihre größte Sorge war, dass der Krieg schon zu Ende wäre, ehe man sie einziehen würde. Um das zu verhindern, meldeten sich viele Jungen, die noch nicht das Mindestalter erreicht hatten, als Kriegsfreiwillige. Mit ein bisschen "Glück" und der Einwilligung der Eltern, die diese meist gern gaben, konnte man frühzeitig eingezogen werden. Nach einer kurzen Ausbildung ging es dann sofort an die Front. Leider umfasste die Ausbildung in den Kasernen meist nur Marschieren, Kleidung zusammenfalten und Befehle befolgen. Auf dem Weg an die Front kam das große Erwachen. Meist war schon dieser Weg von Toten gesäumt. Die abenteuerlustigen jungen Soldaten wurden mit Minenhagel und einer unerträglichen Geräuschkulisse empfangen.
Schon im ersten Kriegsjahr wurden tausende Kriegsfreiwillige in den Schlachten von Ypern und Langemarck regelrecht verheizt. Das große Abenteuer entpuppte sich als Todeshölle. Nur die wenigsten Kriegsfreiwilligen sahen ihre Heimat je wieder.
Fröhliche Soldaten auf ihrem Transport per Güterzug in den Westen
Feldpostkarte aus dem Oktober 1914
Wiener Reservisten zeigen große Freunde über den Krieg gegen Serbien.
Soldaten auf dem Weg an die Front
Große Freude auch in Paris nach der Bekanntgabe der Mobilmachung Frankreichs
Jubelnde Menschenmasse auf dem Münchner Odeonsplatz nach der Bekanntgabe der Kriegserklärung Kaiser Wilhelms II. an Russland
Aufgabe
Suche im Text möglichst viele Gründe für die Kriegsbegeisterung vor dem Ersten Weltkrieg im Allgemeinen und speziell unter den Jugendlichen. Gestalte ein Cluster "Kriegsbegeisterung vor dem Ersten Weltkrieg" und stelle darin viele Gründe übersichtlich dar.