Deutschlands Weg in die Republik
Die letzten Kriegstage waren nicht nur an der Front chaotisch und dramatisch, sondern auch zuhause in Deutschland. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus einem Kaiserreich eine demokratische Republik. Auslöser für die Revolution zuhause waren die Entscheidungen der Heeresleitung im Kriegsgebiet.
1. Politische Voraussetzungen: Die Spaltung der linken Bewegung
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Die SPD war in der Zeit des Kaiserreiches die stärkste Partei geworden. In ihrem Kern war die SPD gegen Kriege. Trotzdem unterstützt sie den Kaiser am Beginn des Ersten Weltkrieges bei seinen Kriegsplänen. Während des Krieges führt das zu großen Protesten innerhalb der Partei, nach dem Krieg kommt es sogar zur Spaltung der linken Bewegung in MSPD, USPD und den Spartakusbund. Alle drei Vereinigungen hatten unterschiedliche Vorstellungen von der Gestaltung des zukünftigen deutschen Staates.
Weil die Fronten zwischen den linken Bewegungen zunehmend verhärten, gerät eine Gewaltspirale in Gang. Linksradikale besetzen Gebäude und reißen die Regierungsmacht an sich. Die SPD nimmt, um selbst ihre Macht zu erhalten, die Hilfe der neu entstehenden Freikorps an.
Diese waren rechtsnational ausgerichtet und wurden von (ehemaligen) Offizieren angeführt. Viele der von der Front heimkehrenden Soldaten werden von Straßenschlachten und Barrikadenkämpfen empfangen und sind gern bereit, sich für die Freikorps anwerben zu lassen.
Obwohl alle Soldaten und Truppen nach dem Kriegsende entwaffnet wurden, verfügen die Freikorps über Artillerie, Handgranaten und alle möglichen Waffen, die nun in den Demonstrationen und Straßenkämpfen eingesetzt werden. In Berlin kamen sogar Fliegerbomben zum Einsatz.
Durch den massiven Gewalteinsatz konnte der Aufstand zwar niedergeschlagen werden und die SPD ihre Macht festigen. Doch der monatelange Bürgerkrieg war keine solide Grundlage für den neuen Staat.
Zusammenfassung
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Die Not war groß: Menschen zerlegen auf offener Straße ein totes Pferd.
Typisches Straßenbild Ende 1918: Diskutierende Soldaten und Zivilisten
Das Freikorps "Werdenfels" marschiert in München ein. Mit volkstümlicher Kostümierung und Blumen in den Gewehrläufen wirken diese Soldaten eher friedlich. Der Schein trügt: Bei den Kämpfen in München traten sie mit besonderer Härte auf.
Bewaffnete Revolutionäre fahren mit der roten Fahne durch das Brandenburger Tor in Berlin.
Freikorps-Soldaten mit Maschinengewehr am Berliner Schloss
Quelle 1: "Konkurrenz der Utopien"
Auszüge aus einem Interview mit dem Historiker Daniel Schönpflug über die Situation Deutschlands nach dem Krieg (22.1.2020):
Spiegel: Herr Schönpflug, gibt es etwas, das sie persönlich an den Zwanzigerjahren fasziniert?
Schönpflug: Ich habe mich viel mit Revolutionen beschäftigt. Die Revolution von 1918, sozusagen der Startschuss für die Zwanzigerjahre, wird meist als etwas Düsteres, Negatives, gar Destruktives gesehen. Aus heutiger Sicht verbinden die Menschen 1918 nicht mit Aufbruchstimmung. Das hängt vor allem damit zusammen, dass wir wissen, was danach kam: die unruhigen Jahre der Weimarer Republik und die Katastrophe der Nazizeit. Wenn man aber in die Quellen der Zeit kurz nach 1918 schaut, etwa in Zeitungsartikel oder Briefe, dann liest man dort von der Erleichterung der Menschen über das Ende des Krieges, von Hoffnungen, neuen Zielen und teils regelrecht kühnen Zukunftsentwürfen.
Spiegel: Die Menschen hatten den Alptraum von Krieg und Niederlage zu verkraften. Wie verbreitet war da das Gefühl von Aufbruch, gar Euphorie?
Schönpflug: Wenn ich von Hoffnung spreche, meine ich nicht, dass ganz Deutschland einem naiven Glauben an eine bessere Zukunft verfallen gewesen wäre. Schon der Start in eine neue Gesellschaft im November 1918 war natürlich von Kontroversen geprägt: Da gab es diejenigen, die am 9. November in Berlin vor dem Reichstag standen und jubelten, während Philipp Scheidemann die Republik ausrief: Tausende feierten „Unter den Linden“. Und im gleichen Moment schimpften andere, die Revolution sei ein Verrat an Deutschland, an der Armee, am Kaiserreich – der Anfang der Dolchstoßlegende.
Spiegel: Die Monarchie in eine Demokratie zu verwandeln, war eine der Ideen, die sich durchsetzten. Wurde der demokratische Gedanke von einer Mehrheit der Bürger getragen?
Schönpflug: Ja, man muss sich nur die Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 anschauen. Die Wahlbeteiligung lag bei 83 Prozent. Davon können wir heute nur träumen. Und der Großteil der Wähler machte sein Kreuz bei Parteien, die für die Republik standen, bei der SPD, dem Zentrum oder der Deutschen Demokratischen Partei. Die Mehrheit votierte für einen demokratischen Staat.
Spiegel: Wie erlebten die Menschen den Beginn der Zwanziger?
Schönpflug: In ganz Deutschland herrschte nach dem Krieg eine massive Versorgungskrise. Hunger und Krankheiten waren weit verbreitet. Nicht nur die Unterschicht, auch die Mittelschicht lebte in einer ökonomischen Situation, die wir uns heute schwer vorstellen können. Jeder Tag war ein Kampf ums Überleben.
Spiegel: Waren die Kriegsheimkehrer sozial abgesichert?
Schönpflug: Es gab zwar Invalidenrenten und auch ein System der Sozialversicherung, aber diese Unterstützungen waren rudimentär und konnten das Massenelend nicht verhindern.
Spiegel: Millionen Männer waren zudem verwundet aus dem Krieg heimgekehrt?
Schönpflug: Viele der Männer hatten verstümmelte Körper und zerstörte Gesichter. Manchen Soldaten konnte mit neuer Prothesentechnik geholfen werden, aber für die weit verbreiteten Traumata – etwa die „Kriegszitterer“ – gab es keine wirksame Therapie. Dazu kam die massenhafte Erfahrung von Verlust und Trauer. In fast jeder Familie waren geliebte Menschen ums Leben gekommen.
Spiegel: Materielle Not und Traumata des Krieges verstärkten sich gegenseitig?
Schönpflug: Beides griff ineinander und sorgte für enorme Unsicherheit. Und das in einem politischen Umfeld, das den Menschen kaum Halt bot: Die Mehrheitsfindung im Parlament war kompliziert, immer wieder gab es politisch motivierte Gewalttaten und Putschversuche. Die Gesellschaft hätte einen festen Rahmen, Verlässlichkeit und Halt dringend gebraucht. Aber das konnte das neue Regime nicht bieten. So sehnten sich viele Menschen, sogar Anhänger der Republik, nach der Ordnung und Statik des alten Regimes zurück, nach einer zentralen Führungsfigur. Doch die gab es nicht. (…)
Die Mentalität der Zeit war geprägt von dem Gefühl, dass es im Leben nichts Festes, nichts Verlässliches gab. Für die Menschen damals war bei jeder Regierungsumbildung, bei jedem Putschversuch, jeder Wirtschaftskrise unklar, wie es weitergeht. Die Revolution von 1918 und die Zeit danach verlief wie in vielen revolutionären Situationen in der Geschichte: Es gibt den Moment des radikalen Umsturzes, dann folgt eine lange Phase der Instabilität, der Auseinandersetzung, der Gewalt, der Polarisierung, die dann zu einem neuen stabilen Zustand führt, der jedoch wenig mit dem zu tun hat, was die Revolution ursprünglich anstrebte.
Spiegel: Das ist ein wiederkehrendes Muster?
Schönpflug: Bei der Französischen Revolution von 1789 begann es mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und endete bei Napoleon als diktatorischem Kaiser. Bei der Russischen Revolution 1917 stand zu Beginn eine Räterepublik, daraus wurde eine Diktatur. Revolutionen sind nicht nur punktuelle Ereignisse, sondern längere Phasen schwer dirigierbarer Veränderung. (…)
Spiegel: Die ganzen Zwanzigerjahre waren demnach von der Revolution geprägt?
Schönpflug: Absolut! Deshalb gab es auch all die Verwerfungen damals in Deutschland. Die Kräfte, die ein altes Regime hinwegfegen, sind meist nicht in der Lage, ein Land anschließend dauerhaft zu ordnen. In dieser Dialektik steckten auch die Zwanzigerjahre. Für das Verständnis der Zeit ist es zentral, die Zwanzigerjahre der deutschen Geschichte als Revolutionserfahrung zu sehen und zu deuten.
Spiegel: Das erklärt auch, warum Gewalt zum Alltag der Zeit gehörte.
Schönpflug: Die NSDAP sah sich als revolutionäre Partei, genauso wie die Kommunisten. Es herrschte die Vorstellung, man könnte aufgrund eines Konzepts die Welt sozusagen auf völlig neue Füße stellen und Politik, Gesellschaft und Kultur absolut neu gestalten. Und absolut gedachte Ideen funktionieren nur, wenn man den Gegner vernichtet.
Quelle 2: Zeitschriftenbeitrag vom 5. Dezember 1918
"Ich will versuchen, etwas deutlich zu sagen, was man vorerst nicht gerne wird wissen wollen, obwohl es jeder weiß. Dass nämlich in Deutschland die Republik noch nicht da ist, sondern nur ihre Form. Die Republik ist da, aber noch kein republikanisches Bewusstsein. Dieses republikanische Bewusstsein - muss erst geschaffen werden; nichts tut mehr Not für die nächsten Stunden, nächsten Wochen, nächsten Jahre. Das Volk hat die Republik als eine Hoffnung auf Rettung in dem ungeheuren Elend genommen wie eine Arznei. Betrügen wir uns nicht: Es war nicht der Geist, der Glaube, die Überzeugung, die jene Wandlung bewirkten, sondern die Not, der Hass, die Erbitterung." (Stefan Zweig, Auszüge)
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Quellen
Titelbild "Matrosenaufstand": https://www.geo.de/geolino/wissen/19214-rtkl-geschichte-kieler-matrosenaufstand-der-anfang-vom-ende
Interview: J. Mohr, F. Patalong, E.-M. Schnurr (Hg.): Deutschland in den Goldenen Zwanzigern. Von schillernden Nächten und dunklen Tagen. Spiegel Buchverlag, 2. Aufl. (2021), darin: Konkurrenz der Utopien. Sind die Zwanziger und die Gegenwart vergleichbar? Der Historiker Daniel Schönpflug gibt Antworten. Ein Interview von Joachim Mohr und Frank Patalong.S. 43 - 55.
Alle Schwarz-Weiß-Fotos dieser Seite: Dr. Zentner, Chr. (Verantw.): Große Geschichte des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs. Band 1: Vorgeschichte und Machtergreifung. Naturalis Verlag, (1989), S. 13-25.