Der Imperialismus
Das Deutsche Kaiserreich uns seine Kolonien
Wir erinnern uns: Das Deutsche Kaiserreich wurde 1871 gegründet. Der erste deutsche Kaiser hieß Wilhelm I. Das Sagen über die Politik und die Ausgestaltung des neuen Kaiserreiches hatte aber der Reichskanzler Otto von Bismarck. Nach drei geführten Kriegen (gegen Dänemark, Österreich und Frankreich) war Bismarcks Außenpolitik auf Frieden und Verständigung ausgerichtet. Die bestehenden Grenzen sollten nun respektiert werden, um Kriege zu vermeiden. Bismarck setzte auf Diplomatie und ein gutes Verhältnis zu den anderen europäischen Mächten. Er schloss viele Bündnisse, um eine Isolation und Gefährdung des Deutschen Kaiserreiches zu vermeiden und um im Falle eines Angriffs Unterstützung zu haben.
Im Zuge dieser Friedenspolitik lehnte Bismarck auch eine Beteiligung am Wettstreit um Kolonien ab. Er gab an die Nachbarländer das deutliche Signal, das Deutsche Kaiserreich sei „saturiert“ (also „gesättigt“).
Machtwechsel
Doch Wilhelm I., der Bismarck in allen Fragen freie Hand gegeben hatte, starb im Jahr 1888. Sein Nachfolger wurde sein Enkel Wilhelm II. Dieser war erst 29 Jahre alt und stand der Regierungsweise Bismarcks sehr kritisch gegenüber. Zwischen dem jungen Kaiser und dem alten Reichskanzler kam es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Nach 2 Jahren entschied sich Wilhelm II., Bismarck nach 28-jähriger Dienstzeit zu entlassen.
Bild rechte Seite: Die englische Karikatur „Der Lotse geht von Bord“ (1890)
Die Außenpolitik Wilhelms II.
Wilhelm II. setzte nun auf einen konfrontativen Kurs. Er wollte nach innen und nach außen die Stärke des Deutschen Kaiserreiches demonstrieren. Er wollte „Weltpolitik“ betreiben und in den Kampf um die letzten Kolonien einsteigen.
Im Jahr 1897 kam es zu diesem berühmten Ausspruch Wilhelms II.:
Die kolonialen Erwerbungen des Deutschen Kaiserreiches kann man als unbedeutend zusammenfassen. Sie beschränkten sich auf vier afrikanische Länder und einige Inseln in Asien.
Die Eroberung von Flächen vollzog sich immer nach diesem Muster:
- Deutsche Kaufleute oder Händler erwarben von afrikanischen Häuptlingen Flächen. Interessant waren Stellen, wo Bodenschätze abgebaut werden konnten oder Zugang zur Küste bestand. Die afrikanischen Häuptlinge, die mit dem Prinzip des Landbesitzes nicht vertraut waren, ließen sich natürlich von den deutschen Händlern „über den Tisch ziehen“ und verkauften ihr Land weit unter Wert.
- Nach der Eroberung der Fläche durch die deutschen Händler stellte die deutsche Regierung das Gebiet „unter Schutz“. Damit wurde das Gebiet zur deutschen Kolonie.
- Je nach dem erwarteten Profit wurde stärker oder schwächer in die Struktur des eroberten Landes eingegriffen.
Ein deutscher Arzt, Ludwig, Külz, erklärte, warum Kolonien erworben worden:
"Wozu wollen wir Neger* erziehen? Wir müssen uns zuvor zuerst ins zweite wichtige Frage stellen, aber ehrlich beantworten; das ist die: Weshalb haben wir überhaupt Kolonien erworben?
Antwort: Getrieben vom Kampfe ums Dasein, vom Expansionstriebe der Rasse, welcher der heimische Boden zu eng wird, getrieben von dem Willen, dem Mutterland neue Quellen zuzuführen und neue Abflussgebiete zu verschaffen. Alle anderen Motive sind im Nachhinein hineingetragen worden, um dem nackten Kinde ein Mäntelchen umzuhängen. (...) Legen wir uns jetzt nochmals die Frage vor: Wozu sollen wir den Neger erziehen? Meine kurze und bündige Antwort lautet: zur Arbeit für uns."
* Neger: abgeleitet von lat. niger (=schwarz=, im 17. Jahrhundert eingeführter Begriff für Menschen mir dunkler Hautfarbe. Der Begriff gilt heute als stark abwertend und wird nicht mehr verwendet.
** zitiert nach: Ebeling/ Birkenfeld: Die Reise in die Vergangenheit. (2017), S. 216.
Ein Beispiel: Die Kolonie "Deutsch-Südwest-Afrika"
1883 kaufte der deutsche Händler Adolf Lüderitz afrikanischen Häuptlingen eine große Fläche im Südwesten Afrikas ab. Durch Betrug und bewusste Falschinformationen erschwindelte er sich eine Fläche von 820 000 Quadratkilometern für den Preis von 200 Gewehren und 100 englischen Pfund. 1884 erklärte das Deutsche Kaiserreich das Land, das jetzt „Deutsch-Südwestafrika“ hieß, zum deutschen Schutzgebiet.
Die Herero
Zuerst änderte sich für die Einwohner „Deutsch-Südwestafrikas“ nichts. Nur drei deutsche Beamte wurden in das Land geschickt, um dort die deutschen Interessen zu vertreten.
Diese stellen enttäuscht fest, dass „Deutsch-Südwestafrika“ nicht gerade eine Goldgrube war. Bodenschätze seien nicht vorhanden, Landwirtschaft ist auf dem unwirtlichen Gelände kaum möglich.
Der größte Stamm in „Deutsch-Südwestafrika“ waren mit 80 000 Personen die Herero. Diese versuchten im Jahr 1888 den Schutz des Deutschen Kaiserreiches aufzukündigen, da sie diesen als unnötig empfanden. Daraufhin wurden 21 deutsche Soldaten nach „Deutsch-Südwestafrika“ geschickt, um gegen die Herero die deutschen Machtansprüche durchzusetzen.
Die Herero
Konflikte zwischen Herero und Deutschen
Die Herero lebten als Nomaden von der Rinder- und Schafzucht. Als Viehzüchter waren sie darauf angewiesen, mit ihren Tieren durchs Land zu ziehen. Doch das beste Land war nun an deutsche Siedler verkauft worden. Die Herero durften bestimmte Gebiete nicht mehr betreten, was die Herero nicht akzeptieren wollten. Außerdem kam es zu Übergriffen von deutschen Siedlern auf einheimische Frauen und Kinder sowie auf das Eigentum der Herero, so dass sich der Konflikt immer weiter verschärfte. Nun wurde eine 15 000 Mann starke Schutztruppe nach „Deutsch-Südwestafrika“ gesandt, die nun gewaltsam gegen die Herero vorgehen sollten.
Um 1900 entdeckten die Deutschen Kupfervorkommen im Gebiet der Herero. Um dieses Kupfer abzubauen und nach Deutschland zu verschiffen, legten sie Bahnlinien. Diese kreuzten die Wege der Viehherden zu ihren Wasserstellen. Durch die Eisenbahnschienen wurden also den Nomaden und ihren Tieren ihre Lebensgrundlage entzogen.
Im Jahr 1904 erhoben sich die Herero schließlich gegen die deutsche Herrschaft. Ungeachtet der neuen Besitzverhältnisse besetzten sie ihr gewohntes Land, brannten deutsch besetzte Farmen und Siedlungen ab und töteten deutsche Siedler. Es kam schließlich zur Schlacht am Waterberg. Obwohl die Herero zahlenmäßig stark überlegen waren, gelang es der deutschen Schutztruppe, die Herero in die Wüste zu treiben, alle Wasserstellen zu blockieren und die Wege aus der Wüste heraus abzuriegeln. Es war keinem Herero, auch nicht den Frauen und Kindern, gestattet, sich zu ergeben.
Insgesamt kamen im Jahr 1904 80% der Herero durchs Leben - in der Schlacht getötet oder in der Wüste verdurstet. Heute gilt die Niederschlagung des Herero-Aufstandes als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Das schreckliche Ereignis wird von deutschen Politikern als Kolonialverbrechen eingestuft.
Die wenigen überlebenden Herero wurden nun noch unmenschlicher behandelt. Sie durften kein Land mehr erwerben und wurden zu Zwangsarbeit verpflichtet.
Der Umgang mit den Herero zeigt das grausame Verhalten der deutschen Kolonialherren und das völlige Fehlen von Respekt und Rücksicht gegenüber ihren Lebensgewohnheiten und Bedürfnissen der Einheimischen.
Von deutschen Schutzsoldaten bewachte Herero
Herero, von der deutschen Kolonialbehörde fotografiert
Deutsche Soldaten, die gegen die Herero gekämpft haben
Herero, nach dem gescheiterten Aufstand in Ketten gelegt
Praktisch das bessere Deutschland?
Deutschland hatte sich nun quasi in letzter Sekunde am Wettstreit um afrikanische Kolonien beteiligt und sagenhafte vier Kolonien gegründet. Die deutsche Kolonialbehörde musste nun enttäuscht feststellen, dass sich in der Heimat keiner für diese Kolonien interessierte. Dabei wäre es für die Durchsetzung der deutschen Interessen von Vorteil gewesen, wenn sich dort Deutsche angesiedelt hätten.
Wie konnte man die Menschen für die Kolonien begeistern? Mit einer Werbekampagne. Durch die neue Technik der Fotografie war es möglich, die fremde Landschaft einzufangen und in einem schicken Fotoband zu präsentieren. In diesem Fotoband wurden die deutschen Kolonien als "praktisch das bessere Deutschland" beworben. Der Fotoband verkaufte sich zwar gut, löste aber keine großen Siedlungsströme aus.
Am Ende des Kolonialkampfes...
war Afrika so aufgeteilt:
Zum Weiterlesen:
Völkermord Südwestafrika: Konzept des rassistischen Terrors (Spiegel)
Fotoband 1907: Menschenleere Traumziele (Spiegel)
Aufgaben
1. Was waren die Ziele der Außenpolitik von Bismarck und Wilhelm I.?
Außenpolitik:Bismarcks / Wilhelm I.: ...
2. 1888 kam es im Deutschen Kaiserreich zum Machtwechsel. Wie wirkte sich das auf die Außenpolitik des Kaiserreiches aus?
Außenpolitik Wilhelms II.: ...
3. Auch das Deutsche Kaiserreich wollte in den Kampf um Kolonien eintreten.
a) Welche Kolonien wurden erworben?
b) Nach welchem Muster verlief die Eroberung von Flächen?
Deutsche Kolonien: ...
a)
b)
4. Ein Beispiel für das deutsche Vorgehen in den afrikanischen Kolonien war das Vorgehen gegen die Herero. Gib den Herero-aufstand in Stichpunkten wieder.
Der Herero-Aufstand: ...
5. Erkläre die Karte "Besetztes Afrika 1914".
Die Karte zeigt, ...