Die mittelalterliche Stadt
Die Stadtmenschen
Hier lernst du verschiedene Stadtbewohner kennen...
Lies ihre Vorstellungstexte und überlege, zu welcher der vier Schichten in der "Städtezwiebel" die Personen gehören. Trage jede Person in der richtigen Schicht ein. Arbeite mit Bleistift.
"Ich bin Beamter,
denn ich bin Mitglied im Rat der Stadt. Dadurch kann ich alles Wichtige in der Stadt mitentscheiden. Zum Beispiel neue Gesetze, wie die Markt- und die Kleiderordnung. Beamter konnte ich nur werden, weil ich ein reicher Bürger bin. Für meine Arbeit im Rat der Stadt bekomme ich kein Geld. Ich muss also finanziell abgesichert sein.
Die Tätigkeit im Rat der Stadt verschafft mir viel Macht und Einfluss.
Ich wohne in einem schönen Haus, kleide mich in kostbare Gewänder und lebe in Saus und Braus. Damit auch meine Kinder später einmal Beamte werden können, schicke ich sie in die Schule."
"Ich bin Bürgermeister.
Das konnte ich erst werden, nachdem ich viele Jahre im Rat der Stadt gearbeitet habe. Die Ratsmitglieder waren mit meiner Arbeit im Rat so zufrieden, dass sie mich zum Bürgermeister gewählt haben. Ich habe mich unheimlich über meine Ernennung gefreut. Nun leite ich alle Sitzungen des Rates und bin der Vorsitzende des Stadtgerichts. Ich bewahre auch den Schlüssel für die Stadttore auf. Im Kriegsfall gebe ich dem Stadtheer die Befehle. Ich bin sehr wohlhabend. Ich wohne in einem prunkvollen Haus und kleide mich in kostbare Gewänder."
"Ich bin Handwerker,
genau genommen Schmied. Ich gehöre zu den Versorgern der Stadt. Ich stelle Goldschmuck her. Demzufolge sind die wohlhabenden Stadtbewohner meine Kunden. Da ist es sicher verständlich, dass auch ich ziemlich wohlhabend bin. Ich habe ein gutes Einkommen und genieße in der Zunft ein hohes Ansehen. Ich wohne mit meiner Familie in einem schönen Haus in der Schmiedsgasse.
Über das Stadtgeschehen kann ich nicht mitbestimmen. Ich hätte gar keine Zeit, im Rat der Stadt zu sitzen, ich muss doch in der Werkstatt sein!
Meine Zunft versucht aber, gut mit dem Rat der Stadt zusammenzuarbeiten. Sie handelt für uns Schmiede gute Arbeitsbedingungen aus. Ich kann mich nicht beschweren und fühle mich in der Stadt sehr wohl."
"Ich bin Tagelöhner,
naja, eigentlich bin ich Bauer. Ich komme aus einem Dorf in der Umgebung. Leider habe ich keinen eigenen Hof. Den Hof meines Vaters hat mein Bruder geerbt. Für mich war dann kein Platz mehr. So richtig weiß ich nicht, wo ich hingehöre. Zu den Erntezeiten kann ich meinem Bruder auf den Feldern helfen. Aber im Winter und in den schlechten Zeiten muss ich mir in der Stadt Arbeit suchen. Meistens finde ich auch etwas - bei einem Handwerker, in einer Wäscherei oder beim Brauer. Allerdings immer nur für einen Tag... Und als Hilfsarbeiter verdient man sehr wenig. Ich kann mir nicht einmal ein vernünftiges Zimmer in der Stadt leisten. Ich lebe in Verschlägen, in Ställen oder in Kellern. Ich habe kein Ansehen und kein Mitbestimmungsrecht in der Stadt."
"Ich bin Landgraf,
also ein Adliger. Ich besitze große Ländereien und lebe die meiste Zeit auf meinem riesigen Gutshof. Zu meinem Landbesitz gehören einige Dörfer. Ich habe sogar ein Schloss geerbt und einige Burgen. Mit meinen Dörfern besitze ich natürlich viele abhängige Bauern, die für mich Abgaben und Frondienste leisten müssen. Trotzdem zieht es mich immer wieder in die Stadt. Denn hier tobt das Leben. Hier treffen sich die Menschen, hier passiert was! Da ist es doch klar, dass ich mir hier in der Stadt ein paar große Häuser bauen ließ - natürlich direkt am Marktplatz. Mein Haupthaus steht genau zwischen dem Rathaus und der Kirche. Ich bin auch Mitglied im Rat der Stadt und darf bei allen wichtigen Entscheidungen mitbestimmen. Auch meine Kinder leben in der Stadt. Sie werden hier von einem Privatlehrer unterrichtet."
"Ich bin Kleinhändler,
das bedeutet, dass ich selbst keine Waren herstelle. Stattdessen ziehe ich von Dorf zu Dorf, kaufe die Waren der Bauern auf, bringe sie in die Stadt zum Markt und verkaufe die Waren dort weiter. Auf diese Weise ist nicht viel zu verdienen. Deshalb bin ich arm, habe kein Ansehen und kein Mitspracherecht. Ich lebe in einer einfachen Hütte - außerhalb der Stadtmauer."
"Ich bin Fernhandelskaufmann,
das heißt, dass ich meine Waren nicht nur aus der Umgebung beziehe, sondern auch aus fernen Ländern. Ich kann Luxusgüter verkaufen, an die nur schwer heranzukommen ist: Gewürze aus dem Orient, Wein aus südlichen Ländern, Felle aus Russland oder Norwegen. Wie alle Fernhandelskaufmänner verfüge ich über Schiffe und Wagen, um diese Waren heranzuschaffen. Wenn ich nicht gerade auf Handelsreise bin, genieße ich großes Ansehen in der Stadt. Meine Meinung ist gefragt. Ich gehöre in der Stadt zu den Männern mit dem größten Einfluss. Ich bin reich und lebe in einem prächtigen Palast."
"Ich bin Henker,
und erledige mit meinen Helfern eigentlich eine ganz wichtige Aufgabe für die Stadt: Ich vollstrecke die Urteile der Richter. Ich erhänge Mörder am Galgen und vollziehe alle Arten von körperlichen Strafen. Zum Beispiel hacke ich einem Betrüger auch die Hand ab, wenn die Richter es so angeordnet haben. Obwohl diese Aufgabe für ein geordnetes Leben in der Stadt so wichtig ist, wird sie sehr schlecht bezahlt. Mein Beruf gilt als "unehrlich", also als Beruf ohne Ehre. Mit mir will niemand etwas zu tun haben. Ich werde von allen Stadtbewohnern verachtet. Ich lebe in einer einfachen Hütte, in einer Gasse außerhalb der Stadtmauer."
"Ich bin Dienstmagd,
und gehöre zur Berufsgruppe des Hauspersonals. Das sind alle Leute, die die anfallende Arbeit in einem Haus erledigen: Mägde, Köche, Gärtner und Kindermädchen. Ich lebe im Haus meines Arbeitgebers, in einer kleinen Kammer unterm Dach. Ich bekomme vom Hausherr Essen und auch einen kleinen Lohn. Dafür muss ich aber auch von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten. Ich stehe als Erste auf und zünde das Feuer im Kamin an. Dann kümmere ich mich um die Zubereitung aller Mahlzeiten, wasche die Wäsche und betreue die Kinder. Ich lebe in großer Abhängigkeit, weil ich so wenig verdiene. Demzufolge habe ich in der Stadt kein großes Ansehen. Im Rat der Stadt bestimme ich auch nichts mit."
"Ich bin Bettler,
ich lebe also von den Almosen der Bürger. Betteln ist tatsächlich ein Beruf, obwohl ich ja genau genommen nichts mache. Ich versuche, auf dem Markt oder auf den Stufen der Kirchen durch lautes Jammern oder Heulen auf mich aufmerksam zu machen. Leider werde ich immer mal wieder vom Stadtrat aus der Stadt gejagt. Zum Glück gibt es in jeder Stadt Gasthöfe für Bettler. Ärmere Bürger überlassen uns auch manchmal gegen Bezahlung eine Schlafplatz im Stall oder im Keller. Das wir im Stadtrat nichts mitbestimmen dürfen, brauche ich wahrscheinlich nicht zu erwähnen."
"Ich bin Kaufmann,
und bin in der Stadt sehr angesehen. Ich bin nicht ganz so reich wie ein Fernhandelskaufmann, aber ich habe mit meinem Handel auch ein stattliches Vermögen aufgebaut. Ich wohne mit meiner Familie in einem prächtigen Haus aus Stein. Ich bin im Stadtrat vertreten und darf mitbestimmen, was in der Stadt passiert. Meine Familie lebt im Wohlstand. Wir tragen prachtvolle Kleider und Pelze. Die Hausarbeit erledigen unsere Dienstboten. Meine Kinder besuchen eine Klosterschule. Dort werden sie gut ausgebildet. Schließlich sollen sie später einmal das Geschäft übernehmen!"
"Ich bin unheilbar krank.
Ich habe eine unheilbare Krankheit, nämlich Lepra. Diese Krankheit verursacht schreckliche Geschwüre und eitrige Wunden, die man nicht verbergen kann. Ich weiß, ich biete einen schrecklichen Anblick... Lepra ist ansteckend. Deswegen wurde ich aus der Stadt geworfen. Jetzt lebe ich vor den Stadtmauern, ohne Versorgung und ohne Medizin. Wen es meine Kräfte erlauben, schleppe ich mich in die Stadt, um etwas Essen zu erbetteln. Doch die Stadtbewohner geben mir nichts, weil sie zu große Angst haben. Damit man uns erkennt, hat der Stadtrat beschlossen, dass wir riesige Hüte tragen müssen. Wir leben in großer Armut, am Rande der Gesellschaft."
"Ich bin Jude,
ich war mit meiner Familie einer der ersten Bewohner in der Stadt. Wir kamen als Fernhändler hier her und waren sehr wohlhabend. Wir haben mit Salz und Pelzen gehandelt. Unsere Waren waren sehr begehrt und wir waren in der Stadt angesehen. Da sich nun aber immer mehr christliche Kaufleute in der Stadt breit machen, werden wir verdrängt. Alle Waren, die wir verkauften, verkaufen nun auch andere Fernhändler. Diese sind oft im Stadtrat und können gute Konditionen für sich aushandeln. Als Jude kann ich natürlich nicht im Stadtrat mitbestimmen. Unser Leben auch dadurch erschwert, dass wir in einer speziellen Gasse, der "Judengasse" leben müssen. Außerdem müssen wir besondere Kleidung tragen, zum Beispiel einen auffälligen, spitzen Hut. Es ist sehr demütigend!
Unser Geschäft läuft immer schlechter. Man merkt, dass wir als Juden immer mehr angefeindet werden. Obwohl wir uns zu allen freundlich verhalten und niemandem etwas tun.
Ich habe schon mit meiner Frau besprochen, was wir statt des Fernhandels tun können. Aber es ist wirklich deprimierend: Wir Juden werden von keiner Zunft aufgenommen, also können wir kein Handwerk ausüben. Außerdem sind wir von allen höheren Berufen ausgeschlossen, denn wir dürfen an keiner Universität studieren. Wir haben überlegt, ob wir aufs Land ziehen und Bauern werden. Das geht auch nicht, denn an Juden wird kein Land gegeben. Ich bin wirklich ratlos - was sollen wir tun?