Der Gang nach Canossa
Die Vorgeschichte:
Machtverteilung im Mittelalter
Wie geht es nach Karl dem Großen weiter?
Karl der Große hatte das Frankenreich vereint und stabilisiert. Durch Kriege gewann er außerdem große Teile dazu, so dass sich das Frankenreich unter ihm erheblich vergrößerte.
Doch wie sollte es nach seinem Tod mit dem großen Reich weitergehen?
Die Reichsteilung
Karl der Große hatte drei Söhne. Zwei davon starben sehr jung. Einer blieb übrig – Ludwig der Fromme. Er erbte nun das ganze Frankenreich. Schon zu Lebzeiten schaffte Ludwig es kaum, das riesige Reich zusammenzuhalten. Nach seinem Tod war es mit dem vereinten großen Frankenreich nun endgültig vorbei. Das Reich zerfiel in drei Teile.
Westfrankenreich
Das ist der westliche Reichsteil oder das "regnum francorum". Hier regiert Karl der Kahle.
Das Mittelreich
Das ist der mittlere Teil von der Nordsee bis nach Rom. Hier regiert nun Lothar der Erste. Das Reich heißt „regnum teutonicum“.
Das Ostfrankenreich
Das ist der östliche Reichsteil, auch genannt "regnum francorum orientalium". Hier regiert Ludwig der Deutsche.
Nachdem Karl der Kahle, Lothar der Erste und Ludwig der Deutsche gestorben waren, wurden ihre Gebiete unter ihren Söhnen weiter aufgeteilt. Es folgen nun immer weitere Teilungen und Zusammenlegungen. Die Größe des Frankenreichs unter Karl dem Großen wurde nie wieder erreicht.
Weltliche und geistliche Macht
Nun gab es also viele Völker und viele Herrscher in Europa.
Weltliche Macht:
Der König war das Oberhaupt über ein bestimmtes Gebiet. Er war der Träger der weltlichen Macht. Der König erließ Gesetze, vergab Lehen und überwachte die Verwaltung des Reiches. Wenn man sich den weltlichen Machtbereich als Pyramide vorstellt, steht der König ganz oben. Darunter stehen die Herzöge, Fürsten und Bischöfe. Zu diesen Personen pflegte der König engen Kontakt, denn sie halfen ihm beim Regieren. Herzöge, Fürsten und Bischöfe bilden den hohen Adel. Auf der darunter liegenden Stufe steht der niedere Adel, verkörpert von Grafen und Rittern. Ganz unten stehen die Bauern.
Geistliche Macht:
Doch nicht nur König und Adel hatten im Mittelalter etwas "zu sagen". Das Christentum, der christliche Glaube, die Kirche und die christlichen Feste waren für die Menschen im Mittelalter enorm wichtig. Deshalb gibt es neben dem weltlichen auch einen geistlichen Machtbereich.
Das Oberhaupt der christlichen Kirche war der Papst. Er entschied über Glaubens- und Kirchenfragen. Er lebte in Rom und hatte dort eine Beratergruppe, die Kardinalbischöfe. Der Papst steht in der geistlichen Machtpyramide ganz oben, darunter stehen die Kardinalbischöfe. Während die Kardinalbischöfe immer in der Nähe des Papstes sind, gibt es in ganz Europa unzählige Bischöfe. Sie organisieren das christliche Leben in ihrem Gebiet, setzen die Bestimmungen des Papstes durch und kümmern sich z.B. um das Gemeindeleben und den Erhalt der Kirchen. ie Bischöfe stehen in der geistlichen Machtpyramide unter den Kardinalbischöfen.
Die Bischöfe setzen Priester und später Pfarrer ein, die wiederum das christliche Leben in einzelnen Dörfern und Städten leiten. Ganz unten in der Pyramide stehen wieder die Bauern.
Wie wurde man überhaupt Papst? Das regelte das Papstwahldekret aus dem Jahr 1059: Es besagt, dass ein Papst von den Kardinalbischöfen gewählt werden musste.
Die Macht war im Mittelalter also zweigeteilt. Man nannte das auch die „Zweischwerter-Lehre“.
Auf dem Bild aus dem 13. Jahrhundert sieht man in der Mitte Gott. Er hält zwei Schwerter in seinen Händen. Eines gibt er dem König. Das ist das Schwert der weltlichen Macht. Der Papst bekommt das Schwert der geistlichen Macht.
Vom König zum Kaiser
Die Macht lag im Mittelalter also bei den Königen (Es gab mehrere!) und beim Papst. In der Reihe der Könige konnte aber einer besonders hervortreten. Er konnte sich zum Kaiser krönen lassen. Dann war er der höchste unter den weltlichen Herrschern, er war „der König der Könige“. Schon der erste König des Frankenreiches, Karl der Große, hatte sich zum Kaiser krönen lassen.
Nach der Teilung des Frankenreiches stellte sich nun die Frage: Welcher Reichsteil erbt die Kaiserwürde? Das Westfränkische Reich setzte sich durch. Aber nicht jeder westfränkische König wurde auch automatisch Kaiser. Erst der Papst konnte einen König zum Kaiser krönen. Um Kaiser zu werden, musste man sich an zwei Dinge binden:
1. An das Christentum
Denn der Papst ist das Oberhaupt der Christen. Er verlangt von einem König, der Kaiser werden will, ein Bekenntnis zum christlichen Glauben. Der Kaiser muss die Kirche und den Papst unterstützen.
2. An das Römische Reich
Denn dort lebt der Papst. Der Papst verlangt von jemandem, der Kaiser werden will, Schutz und Hilfe für das römische Gebiet.
Das Kaisertum verbindet also das ehemalige Frankenreich (aus dem der Kaiser stammt) und das ehemalige Römische Reich (aus dem der Papst stammt).
Aber nicht jeder westfränkische König wurde zum Kaiser gekrönt. Aber wenn es einen Kaiser gab – dann kam er immer aus dem Westfränkischen Reich. Allerdings war „Kaiser“ nur ein symbolischer Ehrentitel. Ein Kaiser hatte nicht mehr Macht als ein König. Kein europäischer König war bereit, sich vom Kaiser etwas sagen zu lassen.
Das sichtbare Zeichen des Kaisertums war die Reichskrone. Otto der Große war der erste, der sich die Reichskrone aufsetzte (zwischen 961 bis 967). Das Kaisertum bestand insgesamt fast genau 1000 Jahre (von 800 bis 1806).
Wer ist mächtiger – Papst oder Kaiser?
Wenn der Papst nun entscheidet, wer die oberste Ehre erhalten darf – dann ist der Papst doch der mächtigste Mensch in Europa? Natürlich sind Kaiser und Papst in hohem Maße voneinander abhängig. Wenn der Papst zum Beispiel bedroht wird, kann er sich nicht allein mit seiner „geistlichen Macht“ helfen. Er wird den Kaiser bitten müssen, ihm mit seinem Heer zu Hilfe zu kommen.
Diese gegenseitige Abhängigkeit wird schon in der Kaiserkrönungs-Zeremonie deutlich. Zu Beginn des Festaktes wirft sich der zukünftige Kaiser vor den Papst auf den Kirchenboden. So zeigt er seinen Respekt und seine Demut. Im Verlauf der Kaiserkrönung wird dann aber der Papst dem zukünftigen Kaiser die Füße waschen. Dadurch drückt er wiederum seinen Respekt gegenüber dem zukünftigen Kaiser aus.
Ärger ist vorprogrammiert…
Durch diese gegenseitige Abhängigkeit und durch die nebeneinander laufenden Machtsysteme kann man sich vorstellen, dass es oft Streit zwischen Kaiser und Papst gab.
- Was, wenn der Kaiser mal seine Armeen nicht zu Hilfe schicken konnte, wenn der Papst Hilfe brauchte? Konnte dann der Papst den Kaiser absetzen?
- Was ist, wenn ein König alles tut, was der Papst verlangt – der Papst sich aber weigert, ihn zum Kaiser zu krönen?
- Ein machtgieriger Kaiser könnte versuchen, dem Papst gegen einen anderen Papst auszutauschen.
Es dauert nicht lange, bis zwischen einem König und einem Papst ein heftiger Machtkampf ausbrach, der ganz Europa erschüttern wird.
Beantworte die folgenden Fragen schriftlich:
Schreibe zuerst die Überschrift "Der Machtkampf zwischen König und Papst".
1. In welche drei Teile zerfiel das Frankenreich nach dem Tod Karl des Großen? Schreibe die heutigen und die lateinischen Bezeichnungen auf.
2. Zeichne nebeneinander zwei "Macht-Pyramiden:
a) Zeichne eine Pyramide für die weltliche Macht. Benenne Aufgaben der Personen auf den Stufen.
b) Zeichne eine Pyramide für die geistliche Macht. Benenne Aufgaben der Personen auf den Stufen.
c) Fällt dir was auf? Was könnte zu Problemen führen?
3. Erkläre den Begriff "Zweischwerterlehre".
4. Wie wurde man im Mittelalter Papst?
5. Du lebst im Mittelalter und möchtest Kaiser werden. Welche Bedingungen musst du dafür erfüllen?
6. Wer war mächtiger - Kaiser oder Papst? Begründe deine Einschätzung.