Das Krisenjahr 1923


„Nun geht das Krisenjahr zu Ende. Die inneren und äußeren Gefahren waren so groß, dass sie Deutschlands ganze Zukunft bedrohten. Wenn man zurückblickt, sieht man klarer, wie nah dieses Land am Abgrund stand.“

(Tagebucheintrag des britischen Botschafters am 31.1.1923)

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THEMA 1: Die Hyperinflation


Die Vorgeschichte: Wie das Geld entwertet wird

Im Jahr 1923 wurde ein erhebliches Geldproblem des deutschen Staates sichtbar. Die Ursachen dafür lagen aber schon Jahre zurück. Um die enormen Kriegskosten aufzubringen, hatte die Regierung des Kaiserreiches sehr viel mehr Papiergeld drucken lassen, als durch reale Werte gedeckt war. Dadurch verlor die Mark 90 % ihres Wertes. Wenn das Geld seinen Wert verliert und man für ein und dasselbe Produkt plötzlich viel mehr bezahlen muss, nennt man das Inflation.

Zusätzlich wurde der Krieg durch Kriegsanleihen finanziert. Dabei leihen die Bürger ihrem Staat Geld. Der Staat verspricht, dieses Geld den Bürgern nach dem gewonnenen Krieg zurückzuzahlen. Der Staat hatte sich also bei seinen Bürgern verschuldet. 


 

Die Schulden des deutschen Staates stiegen dadurch von 5 Milliarden (vor dem Krieg) auf 164 Milliarden Mark (nach dem Krieg). Das Problem war: Deutschland hatte den Krieg nicht gewonnen. Es war also nicht möglich, das Geld in eroberten Gebieten oder bei den besiegten Staaten einzutreiben.
Stattdessen war nun Deutschland selbst zur Zahlung hoher Reparationsleistungen verpflichtet. Auf den hoch verschuldeten Staat kamen jetzt extrem hohe Zahlungen zu. Gleichzeitig war die Wirtschaft stark geschwächt, so dass nur kleine Einnahmen gemacht wurden. Diese kleinen Einnahmen wurden durch Kreditraten und Zinsen sofort "aufgefressen".


Die Folge war, dass die Kreditraten und die Zinsen die spärlichen Einnahmen auffraßen.

 

Daraus ergaben sich folgende Aufgaben für die neue Regierung: 

·      die Kriegsinflation bekämpfen, das Geld aufwerten,

·      den katastrophalen Staatshaushalt sanieren,

·      den Wirtschaftskreislauf in Gang bringen, um Einnahmen zu bekommen.

 

Es war so, dass die neue Weimarer Republik von Anfang an ein schweres Päckchen zu tragen hatte und ihre Politiker Probleme zu lösen hatten, die sie selbst nicht verursacht hatten.

Eine typische Schlange vor einem Lebensmittelgeschäft

Ein bettelnder Kriegsversehrter

Eine typische Wohnsituation armer Leute

Die Ruhrbesetzung

Da war es nur eine Frage der Zeit, bis Deutschland seine Reparationen nicht mehr zahlen konnte. 1923 war es soweit – Frankreich wartete vergebens auf die vereinbarten Kohlelieferungen. Sofort marschierten französische Truppen im Ruhrgebiet ein, um den Kohletransport nach Frankreich zu überwachen.

Über den Einmarsch der Franzosen waren alle politischen Lager gleichermaßen empört. Die Regierung forderte zum „passiven Wiederstand“ auf. Die Zechen wurden stillgelegt, in den Fabriken wurde gestreikt. Beamte verweigerten die Zusammenarbeit mit den Besatzern.
Die Regierung stand hinter den Steigenden und unterstützte sie finanziell. Der Staat kam für den Produktionsausfall und für die Versorgung der streikenden Arbeiter auf. Dadurch kostete der Ruhrkampf den Staat sehr, sehr viel Geld, nämlich 40 Millionen Goldmark.

Aus der Inflation wird eine Hyperinflation

Um das bezahlen zu können, ließ die Regierung neues Geld drucken. 300 Papierfabriken und 150 Druckereien waren in der Zeit der Ruhrbesetzung allein mit dem Drucken von Geldscheinen beschäftigt. Die in Umlauf gebrachten Geldscheine waren aber nicht durch „echten“ staatlichen Besitz gedeckt. Auf der einen Seite gab es plötzlich Unmengen von Geldscheinen, auf der anderen Seite gab es immer weniger käufliche Güter. Durch den Mangel an Waren stiegen deren Preise. In dieser Situation geriet das Verhältnis von Warenwert und Geldwert völlig aus den Fugen. Stündlich halbierte sich der Wert des Geldes, das heißt, dass man innerhalb einer Stunde für einen Artikel den doppelten Preis bezahlen musste. Aus der Inflation war eine Hyperinflation geworden.

Schnell war ein Zustand erreicht, in dem man mit einer Schubkarre voll Geld zum Bäcker gehen musste, um ein Brot zu kaufen. Am 19. November 1923 kosteten ein Kilo Roggenbrot 233 Milliarden Mark und ein Kilo Rindfleisch 4,8 Billionen Mark. 

 

Hier wird eingekauft. Die Währung: ein Wäschekorb voll Geld...

Aus Geld wird Spielgeld.

Gewinner und Verlierer der Hyperinflation

Die Gewinner der Hyperinflation waren Schuldner, also Leute, die Kredite aufgenommen hatten. Sie konnten ihre Kredite jetzt auf einen Schlag tilgen. Der Kreditgeber hatte das Nachsehen.

Die größten Verlierer der Hyperinflation waren Kleinsparer, also Leute, die keine großen Sachwerte besaßen, aber die einen Geldbetrag angespart hatten, zum Beispiel, um das Studium ihrer Kinder zu finanzieren. Für einen eben noch stattliche Sparbetrag konnte man jetzt plötzlich nun nur noch ein Stück Butter erwerben – wenn man überhaupt irgendwo ein Stück Butter bekam.



Henning Wenzel (* 1908) aus Siegen, 04.04.2000:

Aus der Zeit der galoppierenden Inflation 1922/23 blieb mir folgende Einzelheit in Erinnerung: Die Witwen-Pension meiner Mutter brachte -ursprünglich monatlich- der Geldbriefträger Herr Stapelfeld. Ich weiß noch seinen Namen, denn er war zu der Zeit der "wichtigste Mann" in dem "Geheimratsviertel" zwischen Lützowplatz und Zoo, wohin wir Ende 1919 umgezogen waren. 

Da das Geld von Tag zu Tag an Wert verlor, die Kaufkraft einer früheren Goldmark nur noch durch Millionen, Milliarden und schließlich 1 Billion Papiermark erreicht werden konnte, gab es alle paar Tage Nachzahlungen. Meine Mutter postierte sich zu gegebener Zeit, fertig angezogen zum Ausgang, auf dem Balkon. Sobald sie Herrn Stapelfeld kommen sah, ging sie hinunter auf die Straße, um das Geld in Empfang zu nehmen und es bei Einkäufen sofort wieder auszugeben, ehe es in wenigen Stunden schon an Wert eingebüßt hatte.

Quelle: https://www.dhm.de/lemo/zeitzeugen/henning-wenzel-inflation-1923

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Aufgaben zur Hyperinflation:


1. Nach dem Ersten Weltkrieg stand Deutschland wirtschaftlich und finanziell am Abgrund. Erkläre die wirtschaftliche Situation mit eigenen Worten.
Verwende die Begriffe: Inflation - Schulden - Kriegsanleihen - Schulden - Reparationsleistungen

2. Was passierte bei der Ruhrbesetzung und wie reagierte der deutsche Staat?

3. Schreibe einen kurzen Tagebucheintrag einer Mutter von drei Kindern in der Zeit der Hyperinflation.

Das Foto zeigt die Besetzung des Rheinlandes durch französische Posten am Deutschen Eck 1923.

Thema 2: Der Hitler-Putsch

Die NSDAP war 1923 nur eine unbedeutende völkische Splittergruppe. Die führenden Köpfe dieser Partei träumten von einer Machtübernahme in Berlin nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom.

Im November plante der Parteiführer Adolf Hitler einen Putsch in München, durch den er die Macht über ganz Deutschland ergreifen wollte. 

 

Am Abend des 8. November 1923 stürmte Hitler mit einer Horde bewaffneter SA-Leute den Münchner Bürgerbräukeller. Dort hielt der bayerische Staatskommissar Gustav von Kahr gerade eine Rede. Einflussreiche Leute aus Politik und Militär waren anwesend. 

Hitler unterbrach Gustav von Kahr in seiner Rede, stieg auf einen Stuhl, schoss mit seinem Revolver in die Decke und rief: „Die nationale Revolution ist ausgebrochen. Die bayerische Regierung ist abgesetzt!“

 

Gustav von Kahr blieb in dieser Situation nichts anderes übrig, als die Zusage zu machen, er würde diesen neuen Zustand anerkennen und mit den Putschisten kooperieren. Nach dieser Zusage durften Gustav von Kahr und seine Gäste den Bürgerbräukeller verlassen.

 

Zeitgleich mit der Übernahme des Bürgerbräukellers hatte Hitlers Gefährte Ernst Röhm das Münchner Wehrkreiskommando besetzt. Jedoch hatten die Putschisten keine Macht über die Kasernen und die wichtigen Schaltstellen erlangt. Kaum aus dem Bürgerbräukeller entkommen, widerrief die bayerische Regierung ihre Zusage an die Putschisten.

Der Chef der bayerischen Landespolizei befahl, gegen die Putschisten vorzugehen. Verbände der Reichswehr wurden zum Wehrkreiskommando geschickt. Die Putschisten, die den Bürgerbräukeller besetzt hatten, verbrachten dort ihre Nacht. Am nächsten Morgen setzten sie sich in Richtung Wehrkreiskommando in Bewegung. 2000 Männer marschierten in Zwölferreihen, angeführt vom ehemaligen General Erich Ludendorff. Unter den Marschierenden waren auch Fahnenträger und Reiter. Die Aufständischen überquerten die Isar und die Münchner Innenstadt. Erst am Odeonsplatz stieß die Gruppe auf Widerstand durch Polizeiverbände.

 

Gegen 12:45 Uhr feuerte ein Putschist einen tödlichen Schuss auf einen Polizisten ab. Die Polizisten erwiderten das Feuer. In einem wenige Sekunden andauerndem Gefecht starben 4 Polizisten und 14 Putschisten. Auch Hitlers Nebenmann in der Marschformation wurde erschossen. Der Parteivorsitzende Hitler kam mit einem ausgekugelten Arm davon. Ludendorff wurde festgenommen, Hitler flüchtete aus der Stadt. Erst am 11. November 1923 konnte er aufgegriffen und verhaftet werden. Die gewünschte Machtübernahme ist ausgeblieben.

 

Eine dürftige Bestrafung

Während linksextremistische Straftaten in der Weimarer Republik streng verfolgt und hart bestraft wurden, wurden rechtsextremistische Taten unter den Teppich gekehrt und sehr milde bestraft, besonders in Bayern. Deshalb wurde Bayern in den Folgejahren zum Nährboden für rechtsextremistische Gruppen. Teilweise arbeitete die Landesregierung mit rechtsradikalen Kräften zusammen. 

Ludendorff konnte vor Gericht einen Freispruch erlangen, mit der Behauptung, er habe von den wahren Plänen Hitlers nichts gewusst. Hitler erhielt eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren, von denen er nur ein halbes Jahr absitzen musste. Die Gerichtsverhandlung nutzte Hitler für Agitation (Eigenwerbung) und steigerte so seinen Bekanntheitsgrad. In der Haftzeit verfasste er das Buch „Mein Kampf“. Er widmete dieses Traktat den am Odeonsplatz erschossenen Putschisten. Er bezeichnete sie als die „Blutzeugen, die den Anhängern unserer Bewegung dauernd voranleuchten mögen.“

 

Der Münchner Bürgerbräukeller

Plakat

Bayerische Landespolizisten, die mit Spießen bewaffnet gegen die Putschisten vorgingen

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Aufgabe zum Hitlerputsch:

Stell dir vor, du bist im November 1923 Reporter einer Münchner Zeitung. Du sollst einen Live-Ticker über den laufenden Putschversuch (8. bis 11. November 1923) verfassen. Die Geschehnisse im Bürgerbräukeller bekommst du nur von außen mit und gibst diese in Echtzeit wieder. Wenn keine Uhrzeiten angegeben werden, kannst du dir passende Uhrzeiten ausdenken.
Beginne so:


Tumulte im Hofbäuhaus

+++19:04 NSDAP-Führer stürmt Keller des Hofbräuhauses. Dort tagen gerade einflussreiche Politiker. Was hat Hitler vor?+++

+++ 19:08: Soeben wurde bekannt, ...

Die Lösung - der Dawes-Plan

Im November 1923 war die Mark auf ein Billionstel ihres Goldwertes gesunken. Nur eine neue, gesunde Währung konnte aus der Hyperinflation herausführen. Deshalb wurde Mitte November die „Rentenmark“ eingeführt. Man konnte nun gegen 1 Billion Papiermark gegen eine Rentenmark eintauschen. 

Zur Stabilisierung der Währung wurden die Staatsausgaben massiv eingeschränkt und die Steuern erhöht. Trotz dieser zusätzlichen Belastungen sahen die Deutschen die Rentenmark als Lichtblick am Ende eines schlimmen Jahres. 

 

In Frankreich betrachteten viele Menschen die Situation mit Schadenfreude. Doch die Engländer mahnten zu einem vernünftigen Umgang mit Deutschland und zu einer Korrektur der Reparationsforderungen. Schließlich stimmten die Franzosen der Gründung einer Arbeitsgruppe zu, die einen faireren Wirtschaftsplan für Deutschland aufstellen sollten. Charles Dawes, ein amerikanischer Wirtschaftsexperte, sollte die Arbeitsgruppe leiten.

 


Im August des nächsten Jahres war der Dawes-Plan fertig. Er legte fest, dass sich die Reparationszahlungen zukünftig nach der Wirtschaftskraft Deutschlands richten müssen. Um die deutsche Wirtschaft überhaupt erst einmal wieder anzukurbeln, wurden Deutschland großzügige US-Kredite gewährt. Der Hintergedanke der Amerikaner war: 

  • Zuerst muss man die deutsche Wirtschaft mit Krediten ankurbeln.
  • In der Folge kann Deutschland Gewinn erwirtschaften und seine Reparationen an Frankreich und England zahlen. 
  • Dann können Frankreich und England ihre Kriegskredite an die USA zurückzahlen.


Der Dawes-Plan ging auf. Er beendete die Krisenjahre der Weimarer Republik und löste einen wirtschaftlichen Aufschwung aus – die Goldenen Zwanziger konnten beginnen…

Aufgabe zum Dawesplan:

Am Ende des Jahres 1923 bringt der Dawes-Plan etwas Hoffnung. 
Erkläre, 

  • wie es zum Dawes-Plan kam und 
  • was er beinhaltet