Die Tragödie der "Erie"

Am Nachmittag des 9. August 1841 brach das Dampfschiff „Erie“ zu seiner Fahrt auf. Ausgangspunkt dieser Fahrt war die Stadt Buffalo auf dem Eriesee. Das Ziel war Chicago. Das bedeutet, dass das Schiff drei Seen überqueren musste. Nämlich welche? (Du kannst die Karte anklicken, um sie zu vergrößern.)

Buffalo war die östlichste Anlegestelle im Eriesee und lag in direkter Nähe zu den Niagarafällen. Detroit sollte der erste Zwischenstopp sein.
Damals waren Dampfschiffe in den USA wichtige Transportmittel. Gerade auf den Great Lakes konnte man mit ihnen große Landwege umgehen. Um die Great Lakes herum lagen viele Industriestädte, die man mit den Dampfschiffen gut verbinden konnte. Die Great Lakes waren überhaupt die ersten Seen, auf denen Dampfschiffe fuhren.

In einer Zeitung wurde damals berichtet, dass die „Erie“ die gesamte Strecke von Buffalo nach Chicago (2100 Kilometer) in vier Tagen zurücklegen konnte – theoretisch. Denn man musste die vielen Stopps dazuzählen, bei denen Passagiere ein- und ausstiegen und Transportgüter ein- und ausgeladen wurden. Außerdem musste unterwegs ständig Holz zum Befeuern der Maschinen nachgeladen werden.

Die „Erie“ war ein fortschrittliches Dampfschiff. Sie wog 497 Tonnen und hatte eine 30 Mann starke Besatzung. Sie war ein Seitenraddampfer und hatte zu beiden Seiten große Schaufelräder. 
Wie alle Raddampfer der damaligen Zeit hatte die „Erie“ noch zwei Segelmaste und nur einen Schornstein in der Mitte des Schiffs. Sie war also eine Kombination aus Segelschiff und Dampfschiff. Denn man versuchte, so wenig wie möglich mit Dampfenergie zu fahren und so oft es ging den Wind zu nutzen. Die große Problemstelle der Schiffe war die Übergangsstelle zwischen den Metallkonstruktionen (Dampfkessel und Schornsteine) und den Holzkonstruktionen (Deckauf-bauten und Böden). So war es auch bei diesem Schiff.

Gegen 20 Uhr, 

vier Stunden nach dem Ablegen der „Erie“, hörte der Laufbursche Andrew Blila ein merkwürdiges Geräusch, das ihn veranlasste, sofort zum Steuermann zu rennen. Der beruhigte ihn: „Wahrscheinlich ist nur ein Boilerkopf abgeplatzt.“ Doch das Geräusch hielt an. Andrew beschreibt es später als „eine Mischung aus Brüllen und Krachen, vermischt mit dem Trampeln von Füßen.“ Wieder rannte Andrew zum Steuermann, der den Jungen wieder beruhigte. Der Junge lief zurück zu den Kabinen und stand auf einmal vor einer riesigen Feuerwand. 

Die Erie war in diesem Moment voll beladen mit Passagieren und Gütern. Sie war gerade erst losgefahren und hatte den ganzen Weg bis nach Chicago noch vor sich. An Bord befanden sich entweder 200 oder 300 Passagiere (die Angaben sind unterschiedlich). Unter den Passagieren waren viele deutsch-schweizerische Auswanderer. Sie wollten in die westlichen Regionen der Great Lakes reisen.

Ursache des Feuers musste eine Explosion gewesen sein. Zur Zeit dieser Explosion war der Kapitän auf dem Oberdeck. Als er den Brand bemerkte, rannte er sofort zur Kabine der weiblichen Passagiere. An Bord befanden sich nur 60 bis 100 Rettungs-westen. Diese waren zu allererst für die Frauen vorgesehen. Doch das Feuer hatte sich so schnell ausgebreitet, dass der Kapitän, mit den Rettungswesten beladen, die Kabine der Frauen nicht mehr betreten konnte.

Es gab keine Möglichkeit, den Brand zu löschen. Die Maschinen des Schiffs waren nicht erreichbar. Das bedeutete, dass man die Maschinen nicht vom Maschinenraum aus stoppen konnte. Nur die Rudergänge waren frei. Deshalb gab der Kapitän den Befehl zum harten Kurswechsel. Da sich das Schiff in Ufernähe befand, sah der Kapitän die Möglichkeit, das Schiff schnell in Richtung Ufer zu steuern. 

Gleichzeitig ließ man die Rettungsboote ins Wasser. Doch nur in ein einziges konnten sich Passagiere retten. Wegen des starken Windes kenterten alle anderen Rettungsboote oder liefen voll Wasser. 
Inzwischen waren viele Menschen schon über Bord gesprungen – entweder hatten sie eine Schwimmweste ergattert oder sie hielten sich an treibenden Holzstücken fest. Manche versuchten, sich auch ohne jede Hilfe über Wasser zu halten.

Für diejenigen, die über Bord gesprungen waren, kam nun unerwartete Rettung: Das Dampfschiff „Clinton“, welches sich ganz in der Nähe der „Erie“ befand, musste wegen des schlechten Wetters seine Fahrt unterbrechen und die Anker lassen. 

Gegen zehn Uhr 

hatte sich die Wetterlage beruhigt, die „Clinton“ wollte weiterfahren. Da entdeckte man die brennende „Erie“. Sofort eilte man dem Schiff zur Hilfe.

Schnell ließ man alle Rettungsboote der „Clinton“ herab. Alle Passagiere, die man im Dunkeln sehen konnte, wurden aufgenommen. Den Passagieren der „Clinton“ bot sich ein furchtbares Bild. Ein Passagier berichtete:

„Das gesamte Schiff, mit Ausnahme eines kleinen Teils des unteren Vorderdecks, war eine einzige Flammenhölle, die den ganzen Himmel erhellte. Als die Flammen hin- und herschwankten, konnte man die Körper einiger Passagiere sehen, die sich vor Schmerzen krümmten und verzweifelt versuchten, sich über Bord gehen zu lassen. Offensichtlich besaßen die Menschen nicht die Kraft, sich über die Reling zu rollen. Währenddessen standen am vordersten Rand des Vorderdecks ein paar Dutzend Passagiere, die wild mit den Armen wedelten. Die Luft war erfüllt von ihrem Weinen und den Schreien, die einen bis ins Herz trafen.“

Gegen ein Uhr nachts 

waren die Deckaufbauten der „Erie“ völlig heruntergebrannt. Die “Clinton“ sollte das Wrack nur noch in den nächsten Hafen ziehen. Das gelang aber nicht, weil die Erie, bzw. was von ihr übriggeblieben war, auf dem Weg in den Hafen sank. Die „Clinton“ kappte die Seile und erreichte gegen sechs Uhr den Hafen.

Was war geschehen?

Zur Brandursache gibt es verschiedene Vermutungen. Fest steht, dass das Feuer nicht direkt vom Kesselraum ausging. Das bedeutet, dass nicht die Technik selbst versagt hatte. Auch menschliches Versagen im Maschinenraum kann ausgeschlossen werden. Wenn das Feuer im Maschinenraum entstanden wäre, hätte es sich nicht so schnell an Deck ausgebreitet.

Erste Vermutung

Renovierungsarbeiten auf der Erie sein, die erst vor kurzem abgeschlossen worden waren. Dabei wurde das Schiff generalüberholt. Zum Beispiel wurden der Rumpf und die Holzplanken des Decks farbversiegelt. Es könnte sein, dass die Farben noch nicht richtig getrocknet waren. Durch die Hitzeentwicklung in der Nähe der Maschinen könnten sich die frischen Farbschichten entzündet haben.

Zweite Vermutung

Eine zweite Vermutung ist, dass das Holz des Zwischendecks nicht richtig isoliert wurde und sich die Hitze des Dampfkessels deshalb auf dem Zwischendeck ausbreiten konnte.

Dritte Vermutung

Eine dritte Annahme hat mit Schiffsarbeitern zu tun, die sich an Bord der „Erie“ befanden. Es handelte sich um Arbeiter, die Dampfschiffe renovierten. Sie waren auf dem Weg nach Erie, um dort das Schiff „Madison“ zu streichen. Sie hatten alle Materialien bei sich, unter anderem hochexplosive und stark brennbare Farben, Verdünner und Terpentin. Die Arbeiter stellte ihre Korbflaschen auf dem Zwischendeck ab – dort, wo die Isolierung gefehlt hat. Wenn sich nun auf dem Zwischendeck die Hitze aus den Maschinenräumen ausgebreitet hat, ist es gut vorstellbar, dass sich die Flüssigkeiten in den Korbflaschen entzündet haben. Die Flammen konnten dann in Windeseile auf das ganze Deck übergreifen.

Was nun tatsächlich die Brandursache war, konnte nie abschließend geklärt werden.


Wer war John Maynard?

John Maynard ist eine literarische Figur. Auf dem Schiff gab es keine Person mit diesem Namen. Es gab aber auf der „Erie“ einen ähnlich heldenhaften Steuermann, Luther Fuller. Ihm ist zu verdanken, dass wenigstens ein paar Menschen gerettet werden konnten. 

In der Aufarbeitung des Unglücks gab der Kapitän an, dass er nach Ausbreitung des Feuers den Steuermann Luther Fuller angewiesen hatte, das Steuer in Richtung Ufer herumzureißen, damit man mit dem Schiff möglichst nah ans Ufer kommen konnte, ehe es völlig abbrannte. Der Kapitän sah von Anfang an keine Möglichkeit, das Schiff zu retten. Die einzige Möglichkeit war, die Passagiere noch nah ans Ufer zu bringen, damit sie sich an Land retten konnten.

Offenbar führte Luther Fuller den Befehl aus. Über das Schicksal Fullers gibt es verschiedene Angaben. Der Kapitän behauptete, Fuller blieb bis zuletzt am Steuer und verbrannte dort. Ein Überlebender gab hingegen an, dass Fuller mit schweren Verbrennungen über Bord gesprungen war, nachdem ihm klar wurde, dass das Ruder nicht mehr zu beeinflussen war. Luther soll aber wenige Tage später an seinen schweren Verbrennungen gestorben sein.

Diese dramatische Geschichte erreichte auch die Aufmerksamkeit in Europa. Viele Zeitungen berichteten darüber. Theodor Fontane nahm die Zeitungsmeldung zum Anlass für seine Ballade.



John Maynard

Theodor Fontane

John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."

Die "Schwalbe" fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund." 

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!" war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich´s dicht,
und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. 

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?"
"Ja, Herr. Ich bin."

"Auf den Strand! In die Brandung!"
"Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. 

Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."