Der Freiheitskampf in Literatur und Musik
Die Enttäuschung der Bevölkerung nach dem Wiener Kongress und den Karlsbader Beschlüssen war groß. Die Wut entlud sich nicht nur bei den Treffen auf der Wartburg und in Hambach, sondern überall im deutschen Gebiet.
Das einfache Volk litt unter schlechten Arbeitsbedingungen und Armut. Viele gaben der schlechten Regierung daran die Schuld.
Die Schriftsteller litten besonders stark unter der Meinungsfreiheit und der strengen Kontrolle ihrer Texte. Einige zogen sich ins Privatleben zurück und äußerten sich nicht mehr öffentlich. Andere schrieben kämpferische Texte, in denen sie die Unterdrückung und die Willkür der Fürsten kritisierten. Sie forderten
- Meinungsfreiheit,
- eine demokratische Verfassung und
- ein vereintes Deutschland.
In der Schärfe der Argumentation gab es innerhalt der Autorenschaft große Unterschiede. Manche wollten nur kleine Lockerungen und Verbesserungen. Andere forderten eine radikale - und wenn nötig gewaltsame - Revolution, um das verhasste alte System abzuschaffen.
Heinrich Heine
Heinrich Heine wurde 1797 als Sohn jüdischer Eltern in Düsseldorf geboren. Aufgrund der damaligen Judengesetze war es ihm nicht möglich, zu studieren. Heine konvertierte zwar zum christlichen Glauben, doch die Anfeindungen hörten nicht auf. 1835 verbot die preußische Regierung jegliche Schriften jüdischer Autoren - auch die von Heinrich Heine. Er sah in Deutschland keinen Ausweg mehr und floh nach Paris. Von dort aus verfasste er unermüdlich kritisch-revolutionäre Schriften, die er mit Hilfe von Verbündeten nach Deutschland schmuggelte und dort verbreiten ließ. Sein Ziel war, die Menschen aufzurütteln und sie zum Kampf gegen die Unterdrückung zu bewegen.
Ein Gedicht Heinrich Heines bezieht sich auf den Schlesischen Weberaufstand. Im Jahr 1844 zerstörten schlesische Weber die Häuser ihrer Vorgesetzten, nachdem sie von drastischen Lohnkürzungen erfahren hatten. Heinrich Heine lässt im Gedicht „Die schlesischen Weber“ diese selbst sprechen und ihre Wut erklären:
Die schlesischen Weber
Heinrich Heine
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!
In seinem „Wiegenlied“ verspottet Georg Herwegh die Deutschen, die sich die Unterdrückung gefallen lassen:
Wiegenlied
Deutschland – auf weichem Pfühle
Mach’ dir den Kopf nicht schwer
Im irdischen Gewühle!
Schlafe, was willst du mehr?
Laß’ jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben;
Schlafe, was willst du mehr?
Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Göthe:
Schlafe, was willst du mehr?
(…)
Georg Weerth
Georg Weerth formulierte im Gedicht „Das Hungerlied“ die Drohung, dass der König bald aufgefressen wird, wenn er dem Volk nicht genug Nahrung zusichert:
Das Hungerlied
Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.
Und am Mittwoch mußten wir darben,
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!
Drum laß am Samstag backen
Das Brot, fein säuberlich –
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
"Die Gedanken sind frei"
Um 1780 wurde erstmals ein Gedicht mit dem Titel „Die Gedanken sind frei“ auf Flugblättern verbreitet – in einer Zeit vor der Französischen Revolution und vor Napoleons Umgestaltung Europas.
Nach dem Wiener Kongress und den Karlsbader Beschlüssen war der Text bedeutsam wie nie. Er sprach den Menschen, die keine Meinungsfreiheit mehr hatten und strengen Kontrollen ausgesetzt waren, aus der Seele.
Deshalb wurde eine Melodie zum Text komponiert. Außerdem überarbeitete der Dichter Heinrich August Hoffmann von Fallersleben den Text und veröffentlichte ihn in der Sammlung „Schlesische Volkslieder“.
Die Gedanken sind frei
Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.
Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.
(…)
Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.
Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.
"Das Lied der Deutschen"
Doch „Die Gedanken sind frei“ ist nicht das berühmteste Lied des Dichters. Im Jahr 1841 verfasste er auf der Insel Helgoland "Das Lied der Deutschen", dass später die deutsche Nationalhymne werden sollte.
Das Lied der Deutschen
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!
In seinem Lied forderte von Fallersleben „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Darin kommen konkrete Forderungen zum Ausdruck:
- Einigkeit: Er fordert einen deutschen Nationalstaat statt vieler kleiner Fürstentümer.
- Recht: Er fordert einen Rechtsstaat und die Abschaffung der Willkür der Fürsten.
- Freiheit: Er fordert Presse- und Meinungsfreiheit und eine demokratische Grundordnung bzw. die Abschaffung der absolutistischen Ordnung.
Missbrauch und Fehlinterpretation
Die ersten beiden Strophen wurden von den Nazis aus dem Zusammenhang gerissen und im Sinne ihrer Ideologie fehlinterpretiert. Aus der ersten Strophe entnahmen Nationalsozialisten die falsche Botschaft, dass Deutschland über allen anderen Nationen stünde und deshalb Herrschaft über die ganze Welt ergreifen solle.
Die zweite Strophe legt nahe, dass „deutsch“ ein Gütesiegel sei und deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Gesang mehr wert sind als nicht-deutsche Frauen, Treue, Weine und Gesänge.
Jedoch setzte von Fallersleben Deutschland / Deutschsein nicht in Bezug zu anderen Nationalitäten, sondern zum Nebeneinander von unzähligen Fürstentümern innerhalb Deutschlands. Deutschland sollte nicht über anderen Ländern stehen, sondern über der Zersplitterung und der Kleinstaaterei mit dem Chaos unterschiedlicher Gesetze. Deutschland sollte allen Deutschen wichtiger sein als ihr kleines Fürstentum. Von Fallersleben hat mit seinem Lied keinerlei Aussagen nach außen getroffen über Deutschlands Haltung gegenüber Nachbarstaaten oder anderen Staaten. Stattdessen sind seine Aussagen nach innen gerichtet. Er fordert keine Ausbreitung Deutschlands, sondern eine Vereinigung der Einzelstaaten zu einem Deutschland.
Von Fallersleben gibt in seinem Lied auch die Grenzen eines möglichen Deutschlands an: „Von der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt“. Doch dahinter verbirgt sich keine Forderung, Gebiete zu erobern. Die genannten Flüsse markierten die damalige Grenzen des deutschen Siedlungsgebietes und Sprachraumes.
Zeitliche Einordnung
- Von Fallersleben schrieb sein „Lied der Deutschen“ 1841, also zu einer Zeit, in der an ein vereintes Deutschland noch nicht zu denken war. Das Lied verkörpert einen Wunschtraum.
- Erst 1871 wurde die Einheit Deutschlands in Form des Deutschen Kaiserreiches vollzogen.
- 1919: Durch den Versailler Vertrag wurde das Deutsche Reich stark verkleinert.
- Im Jahr 1922 wurde von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ dann zur Nationalhymne Deutschlands.
- Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 die Nationalsozialisten den Text so, dass das alte Gebiet ("von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt") zurückerobert werden soll und dass alles "Deutsche" mehr wert ist als alles andere.
- Bis heute ist „Das Lied der Deutschen“ unsere Nationalhymne, allerdings singen wir aufgrund des Missbrauchs der Strophen 1 und 2 durch die Nazis heute nur noch die dritte Strophe.
Zusammenfassung
Diese Beispiele zeigen, dass die Dichter und Komponisten in der Mitte des 19. Jahrhunderts unheimlich produktiv waren. Mutig setzten sie sich gegen die Beschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit hinweg und forderten Freiheit für jeden Einzelnen, Demokratie und ein vereintes Deutschland mit einer modernen Gesetzgebung.
Die Texte hatten eine unglaubliche Wirkung auf die Menschen der damaligen Zeit. Viele fühlten sich bestärkt in ihrem Plan, endlich für Freiheit und bessere Lebensbedingungen zu kämpfen. Schon bald entlud sich die Wut der Menschen in einer blutigen Revolution...
Aufgaben:
1. a) Nenne 3 berühmte deutsche Autoren, die sich im 19. Jahrhundert mit Politik und Gesellschaft auseinandergesetzt haben.
b) Was und Forderungen und Themen dieser Autoren?
2. Notiere, von wem, wann und wo unsere Nationalhymne, das "Lied der Deutschen", geschrieben wurde.
3. Im "Lied der Deutschen" beschreibt A.H. Hoffmann von Fallersleben, wie die Deutschen sich verhalten sollen. Wie sollen sie sich verhalten? Nenne einige Beispiele.
4. "Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt." Die Nationalsozialisten lasen aus dem Lied die Aufforderung heraus, durch Kriege ein großdeutsches Reich zu schaffen. Nimm Stellung zu dieser Deutung.
5. Zeichne einen Zeitstrahl über die Entwicklung des "Deutschlandliedes" von 1841 bis heute. Verkürze die Informationen.