Herrschaftsformen im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts

Alle europäischen Herrscher schauten beeindruckt nach Frankreich und staunten, mit welcher Entschlossenheit und Effizienz der französische König den Staat nach seinen Vorstellungen umbaute. Viele europäische Könige versuchten, die Macht im absolutistischen Sinn in ihrer Person zu bündeln. Es gelang aber wenigen europäischen Königen, eine so große Machtfülle zu entfalten, wie sie Ludwig der XIV. innehatte.

Im Europa des 17. und 18. Jahrhundert gab es verschiedene Herrschaftsformen. Eines war überall gleich: Egal ob ein Fürst oder ein König herrschte - das gemeine Volk war "Untertan" und hatte keinerlei Mitbestimmungsrechte. An dieser scheinbar selbstverständlichen Tatsache regte sich allmählich Kritik...

So wie die Gelehrten der Renaissance die Herrschaft der Kirche hinterfragten, hinterfragen die großen Denker jetzt, gute 200 Jahre später, die ungerechte Machtverteilung in den europäischen Ländern. Sie beobachten ein großes Ungleichgewicht in der Gesellschaft. Glanzvolles Leben in Saus und Braus auf der einen Seite, Elend und Hungersnot auf der anderen Seite. Wie konnte das sein? Warum akzeptieren die Untertanen die Macht der Obrigkeiten? Warum wehren sie sich nicht gegen die Ausbeutung? War die Herrschaft eines grausamen Königs wirklich "gottgewollt"?

Einige Gelehrte wanden sich direkt an die ausgebeutete Bevölkerungsschicht. Sie bezeichneten sich als "Aufklärer" und forderten die Menschen auf, ungerechte Lebensverhältnisse nicht länger hinzunehmen: "Verdient euch eures Verstandes! Glaubt nicht, was die Kirche und andere Obrigkeiten verkünden. Habt den Mut, selbst zu denken und Fragen zu stellen!" 


Bildung ist alles

Den Aufklärern war klar, dass die Menschen die Ungerechtigkeiten nur hinnahmen, weil sie ungebildet waren. Erst wenn die Menschen Zugang zu Bildung bekommen würden, könnten sie ihre Lebensumstände hinterfragen und für eine Verbesserung kämpfen.
Deshalb wünschten sich die Aufklärer denkende Bürger. Sie forderten die Einführung einer allgemeinen Volksbildung. Damals konnte in Europa kaum jemand lesen und schreiben. 

  • Auf dem Land waren es die Pfarrer und die Gutsverwalter. 
  • In den Städten war der Schulbesuch den Söhnen von reichen Kaufleuten, Anwälten, Ärzten und hohen Beamten vorbehalten. 
  • Mädchen aus armen Familien hatten gar keinen Zugang zu Bildung, die Mädchen aus reichem Hause nur eingeschränkt.


Die Aufklärer wurden von den Landesfürsten sehr geachtet, weil sie viele gute Ideen hatten. Sie setzten durch, dass nach und nach allen Kindern ein Schulbesuch ermöglicht wurde. Demzufolge lernten in den nächsten Jahren immer mehr Menschen lesen und schreiben. Zwischen 1680 und 1780 stieg der private Buchbesitz um das zehnfache an.

Immanuel Kant

Immanuel Kant lebte von 1724 bis 1804 und war der berühmteste und einflussreichste Vertreter der Aufklärung im deutschen Raum.

Er erklärte den Begriff "Aufklärung" folgendermaßen:


Die Kernaussagen 

Immanuel Kant beschäftigte sich ausführlich mit dem Mensch-Sein und der Frage, was das Mensch-Sein ausmacht. Das sind seine Kernaussagen (stark vereinfacht):

  • Tiere sind primitiv: Sie können nur ihren Instinkten folgen.
  • Die Menschen haben den Tieren etwas Grundlegendes voraus: den Verstand und die Vernunft.
  • Verstand und Vernunft sind nicht nur Fähigkeiten, sondern Verpflichtungen. Der Mensch ist verpflichtet, seinen Verstand zu gebrauchen und stets vernünftig zu handeln.
  • Der Mensch ist frei. Er ist mehr als eine Maschine.
  • Jeder Mensch muss würdevoll leben können.
  • Jeder Mensch muss seiner Würde nach behandelt werden.
  • Damit sich alle Menschen gegenseitig würdevoll behandeln, gibt es eine verbindliche Moral, also Grundsätze für das eigene Handeln und das Zusammenleben.
  • Jeder muss sein Handeln an den moralischen Leitsätzen ausrichten.
  • Moral ist etwas Ursprüngliches: Es gibt sie schon viel länger als die Religion.
  • Die Religion erklärte moralische Leitsätze zu göttlichen Geboten.
  • Sucht jemand seine Pflicht, muss er für sich aus den verschiedenen Religionen das Richtige herausfiltern.
  • Die Religionen sind in dem Maß bedeutsam, wie sie den Menschen zu moralisch richtigem Verhalten hinführen.
  • Hass und Rivalität zwischen Religionen ist hinfällig. Es gibt nicht die eine richtige Religion.
  • Rituelle Praktiken innerhalb der Religion sind abzulehnen.
  • Im Verlauf der Geschichte sind keine göttlichen Absichten zu erkennen. 
  • Gott und die Unsterblichkeit sind nicht beweisbar
  • Wer die Würde der anderen achtet und nach moralischen Gesetzen handelt, handelt mit Vernunft.  Vernunft ist etwas, was sich aus dem Zusammenleben der Menschen heraus entwickelt.
  • Aus der Vernunft heraus entsteht das Recht.
  • Das Recht muss in einer Verfassung festgeschrieben werden.



Die Ebenen aufklärerischen Denkens

Immanuel Kant beschäftigte sich in erster Linie damit, wie der Einzelne handeln sollte. Seine Forderung, stets nach moralischen Grundsätzen zu handeln, richtete sich gleichermaßen an den Bauern, den Handwerker, den Adligen und den König. Alle Menschen hatten das große Privileg des Menschseins und hatten die gleiche Pflicht, moralisch und vernünftig zu handeln.
Doch die Aufklärer dachten weiter: Wenn alle Menschen moralisch und gerecht handeln sollten, dann durfte ein König seine Untertanen nicht ausbeuten und nicht unterdrücken! Dann musste die Machtverteilung nach den Grundsätzen der Vernunft und der Moral vorgenommen werden . Dann hatte ein Oberhaupt seinen Untertanen ein würdiges Leben zu ermöglichen.
Langsam und schleichend geriet die Jahrhunderte alte Gesellschaftsordnung ins Wanken. Denn die Regeln, die die Aufklärer für den Einzelnen aufstellten, mussten eine Umgestaltung der bestehenden  Herrschaftsformen nach sich ziehen...

Aufklärung und Staat

Zwei französische Aufklärer waren es, die nun konkrete Vorstellungen vom gerechten Staat entwarfen: Charles Montesquieu (1689-1755) und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778).
Ausgangsgedanke war, dass jeder Mensch frei ist und in einem Staat die gleichen Rechte haben musste. Trotzdem musste das Zusammenleben der Menschen irgendwie geregelt werden. Ein gerechter Staat erforderte drei Machtbereiche :

  • Rechte und Regeln: Für alle Menschen gleich, niedergeschrieben in Gesetz und Verfassung.
  • Kontrolle: Die Wahrung der Rechte und die Einhaltung der Regeln musste kontrolliert werden.
  • Bestrafung: Wer die Regeln brach, musste bestraft werden. 



Die drei Gewalten und die Gewaltenteilung

Für die drei Machtbereiche (=Gewalten) gibt es auch Fachbegriffe:

Montesquieus und Rousseaus Vorstellungen vom gerechten Staat

Die Aufklärer, vor allem Montesquieu, forderten also, dass die drei Gewalten (= Machtbereiche) streng getrennt werden mussten. Für alle drei Gewalten  mussten andere Personen und Institutionen zuständig sein. Es wäre besser, wenn eine Gewalt von mehreren Personen ausgeübt wird und nicht nur von einer.
Denn nur wenn die Machtbereiche streng getrennt wären und in jedem Machtbereich mehrere Personen arbeiten würden, wäre gegenseitige Kontrolle gewährleistet. Diese Kontrolle sicherte ein Fortbestehen des gerechten Staates, in dem alle Menschen möglichst gut zusammenleben konnten.

Über diese Staatsformen wurde im 18. Jahrhundert diskutiert:

Drei Ideen vom Staat


Idee 1: Die Absolutistische Monarchie

Idee 2: Die Konstitutionelle Monarchie

Idee 3: Die Republik

Aufgaben:

1. Beschreibe die Ausgangssituation in den europäischen Staaten im 17. und 18. Jahrhundert (bezogen auf Herrschaft und Macht).

2. "Aufklärer" wollten die Gesellschaft verändern.
a) Wen wollten die Aufklärer aufklären?
b) Was forderten sie und wozu forderten sie auf?

3. Wie veränderte sich der Bildungsstand am Ende des 17. Jahrhunderts?

4. Was forderte Immanuel Kant von den Menschen in seinem berühmten Zitat?

5. Erkläre die wichtigsten Kernaussagen Immanuel Kants:
a) Was hatte der Mensch dem Tier voraus?
b) Welche Pflichten hatte jeder Mensch?
c) Wie stand Kant zu Religion und Glauben?

6. Man kann sich vorstellen, dass der eine oder andere europäische König Schnappatmung bekam, als er Kants Schriften las. Warum?

7. Zu den drei Gewalten des Staates:
a) Nenne und erkläre die "Drei Gewalten des Staates".
b) Was bedeutet "Gewaltenteilung"?
c) Warum ist Gewaltenteilung wichtig?

8. Auch Rousseau entwickelte Vorstellungen vom gerechten Staat. Antworte kurz:
a) Wie sollten die Menschen mit ihren "Fesseln" umgehen?
b) Mit "Fesseln" sind keine richtigen Fesseln gemeint. Wofür stehen sie symbolisch?
c) Worauf sollte sich rechtmäßige Staatsgewalt gründen?
d) Sollen die Menschen auf ihre Freiheit verzichten? Warum ja oder nein?

9. Erkläre und vergleiche die drei Ideen vom Staat. Welche der Staatsformen ist deiner Meinung nach die gerechteste? Begründe.