Die Vorgeschichte
Vitruv war ein Architekt in der Römischen Antike. Er lebte ca. von 80 vor Christus und 15 vor Christus, also in der Zeit der großen Kaiser Caesar und Augustus.
Nach seiner Ausbildung zum Architekten und Ingenieur arbeitete Vitruv daran, für Gaius Julius Caesar, später für seinen Nachfolger Augustus, Kriegsmaschinen zu entwickeln.
Nach der Entlassung aus dem Heeresdienst arbeitete Vitruv als Architekt und Ingenieur. Er entwickelte das System zur Wasserversorgung der Stadt Rom.
Zehn Bücher über Architektur
Kaiser Augustus schätzte Vitruvs Leistungen sehr. Er verschaffte dem Architekten eine Pension, die ihn im Alter absicherte. Vitruv setzte sich zur Ruhe und verfasste zwischen 33 und 22 vor Christus ein zehnbändiges Werk, in dem er all seine Erfahrungen zu Architektur und Ingenieurswesen sammelte. Die "Zehn Bücher über Architektur" bilden das einzig erhaltene Werk über antike Baukunstitektur und geben der Nachwelt Aufschluss über die damaligen Gestaltungs- und Bauregeln.
Vitruv widmete sein Werk Kaiser Augustus - aus Dankbarkeit für dessen Anerkennung und die hohe Pension.
Die Themen der einzelnen Bände
Band 1: Ausbildung des Architekten, Architektonische Grundbegriffe, Anlegen von Städten
Band 2: Baumaterialien
Band 3 und 4: Tempelbau
Band 5: Öffentliche Gebäude
Band 6: Privatgebäude
Band 7: Innenausbau von Privatgebäuden, Farbenkunde
Band 8: Wasserversorgung
Band 9: Astronomie und Uhrenbau
Band 10: Maschinenbau
Vitruv orientierte sich sehr stark an der Architektur der griechischen Antike, weswegen er im Römischen Reich leider wenig Anerkennung bekam. Erst lange nach seinem Tod, in der Spätantike und im frühen Mittelalter, befassten sich Architekten mit Vitruvs Werken und erkannten deren Bedeutung. Im Mittelalter wurden die "Zehn Bücher über Architektur" in vielen Klosterbibliotheken abgeschrieben und dadurch verbreitet.
Für die Baumeister der Renaissance, die sich im 15. Jahrhundert erneut mit den antiken Gestaltungsprinzipien beschäftigten, waren Vitruvs zehn Bücher eine wahre Fundgrube. Die Renaissance-Baumeister suchten in den Klosterbibliotheken nach den wenigen erhaltenen Exemplaren. Sie stürzten sich auf die Bücher und studierten die Grundlagen der antiken Baukunst. Im Jahr 1486 wurde sogar eine gedruckte Fassung des Werks herausgegeben. Allerdings war Vitruvs Werk schwer lesbar und nicht bebildert. Deshalb fertigten viele Renaissance-Künstler Zeichnungen an, die Vitruvs Ausführungen illustrierten - so auch Leonardo da Vinci.
Der Vitruvianische Mensch
Vitruv stellte in seinen Aufzeichnungen auch die "Theorie des wohlgeformten Menschen" auf. Darin erklärt er das ideale Verhältnis der Körperteile:
"Ferner ist natürlicherweise der Mittelpunkt des Körpers der Nabel. Liegt nämlich ein Mensch mit gespreizten Armen und Beinen auf dem Rücken, und setzt man die Zirkelspitze an der Stelle des Nabels ein und schlägt einen Kreis, dann werden von dem Kreis die Fingerspitzen beider Hände und die Zehenspitzen berührt. Ebenso, wie sich am Körper ein Kreis ergibt, wird sich auch die Figur eines Quadrats an ihm finden. Wenn man nämlich von den Fußsohlen bis zum Scheitel Maß nimmt und wendet dieses Maß auf die ausgestreckten Hände an, so wird sich die gleiche Breite und Höhe ergeben, wie bei Flächen, die nach dem Winkelmaß quadratisch angelegt sind.“
Doch Vitruvs Anweisungen beschränken sich nicht auf Arme und Beine. Er äußert auch genaue Vorstellungen von den Gesichtsproportionen:
„Der Körper des Menschen ist so geformt, dass das Gesicht vom Kinn bis zum oberen Ende der Stirn und dem unteren Rand des Haarschopfes 1/10 beträgt, die Handfläche von der Handwurzel bis zur Spitze des Fingers ebenso viel, der Kopf vom Kinn bis zum höchsten Punkt des Scheitels 1/8 […] Vom unteren Teil des Kinns aber bis zu den Nasenlöchern ist der dritte Teil der Länge des Gesichts selbst, ebenso viel die Nase von den Nasenlöchern bis zur Mitte der Linie der Augenbrauen. Von dieser Linie bis zum Haaransatz wird die Stirn gebildet, ebenfalls 1/3."
Und zu diesem Text zeichnete Leonardo die berühmte Zeichnung "Der Vitruvianischer Mensch":
Doch Leonardo war nicht der einzige Künstler, der den "Vitruvianischen Menschen" gezeichnet hat. Auch viele andere Renaissance-Zeichner versuchten sich daran:
Gerade im Vergleich mit den Zeichnungen der anderen Künstler zeigt sich Leonardos Perfektion. Nur seine Zeichnung zeigt einen harmonischen, wohl proportionierten Körper.
Leonardos Zeichnung vom Vitruvianischen Menschen ist so berühmt, dass sie uns auch heute noch überall begegnet. Achtet mal darauf...
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