FAZ (19.09.2011)

Ötzi-Finderin Erika Simon 

„Wir dachten, das sei ein toter Bergsteiger“

Am 19. September vor zwanzig Jahren fand das Ehepaar Simon auf einer Wandertour zufällig die Jahrtausende alte Leiche des Ötzi. Erika Simon über ihre Entdeckung.

Frau Simon, am 19. September 1991 haben Sie und Ihr Mann in den Ötztaler Alpen einen ganz besonderen Fund gemacht. Erinnern Sie sich noch an diesen Moment?

Ja, freilich! Es war ein wahnsinnig heißer Sommer. Beim Abstieg von der Fineilspitze haben wir eine Abkürzung genommen, und dann, 30 Meter vom Weg, ist mein Mann plötzlich stehen geblieben und hat gesagt: „Schau mal, was da liegt.“ Aus dem Eis haben Hinterkopf, Schultern und Rücken geschaut, als hätte einer mit dem Bauch auf dem Boden gelegen. Nackt. Wir haben gedacht, das ist ein toter Bergsteiger oder Skitourengeher. In der nächsten Berghütte haben wir dem Wirt gesagt: „Vermisst ihr jemanden? Da oben liegt ein Toter.“ Dann sind wir abgestiegen.

Später war klar, dass die Leiche mehrere tausend Jahre alt war, wie man nach vielen Untersuchungen herausfand: 5300 Jahre alt. Mit ihr wurden auch die „Ötzi-Finder“ weltberühmt. Haben Sie den Ruhm genossen?

Was heißt genossen. Sagen wir mal so: Ich habe es hingenommen. Die Medien haben uns überrannt, die standen mit Sack und Pack bei uns in Nürnberg vor der Tür. Unser Sohn hat den Telefondienst gemacht für uns. Und alle wollten das Gleiche wissen. Das war schon lästig.

Waren Sie nicht auch ein bisschen stolz auf Ihren Fund?

Mein Mann hat die ganzen Zeitungsausschnitte gesammelt, in Plastikfolien gesteckt und abgeheftet. Ich habe heute noch zehn Ordner hier. Wir haben uns auch Visitenkarten drucken lassen: „Ötzi-Finder“. Wir haben Diavorträge gehalten, in Schulen, in Alpenvereinen und in Sportvereinen. Das war schon toll.


Haben Sie auch Geld verdient damit?

Manchmal haben die Kinder in den Schulen ein bisschen was gesammelt, jeder hat eine Mark hergegeben. Oder wir haben einen Blumenstrauß bekommen. Geld haben wir aber nie verlangt.


Einen Finderlohn haben Sie aber bekommen, oder?

Da möchte ich eigentlich nicht viel drüber reden. Wir haben uns geeinigt. Vergangenes Jahr ist ein Vergleich mit der Landesregierung von Südtirol zustande gekommen.

Weshalb hat das so lange gedauert – fast 19 Jahre?

Am Anfang, ab 1991, hat sich ein österreichischer Rechtsanwalt um uns gekümmert. Der hat dann aber sein Mandat abgegeben, und die Frage nach dem Finderlohn ist im Sande verlaufen. 1998, als der Ötzi von Innsbruck nach Bozen überführt wurde, sind drei Rechtsanwälte aus Bozen an uns herangetreten.

Der folgende Rechtsstreit hat dann immer noch zehn Jahre gedauert. 

Man kann sich das nicht vorstellen. Mit der Landesregierung in Bozen etwas zu tun zu haben, ist eine schwierige Sache, da gehen manche Prozesse über 20 Jahre. Für uns ist es dann ja zu einem guten Schluss gekommen, der Landeshauptmann von Südtirol hat einem Vergleich zugestimmt, und dann ist das Geld überwiesen worden.

Wie viel Finderlohn haben Sie bekommen?

Insgesamt 175.000 Euro. Ich habe 120.000 Euro bekommen, die habe ich mit meinen Kindern und Enkelkindern geteilt. Die Rechtsanwälte haben 55.000 Euro bekommen.

Ihr Mann, der besonders engagiert um den Finderlohn gekämpft hatte, hat das nicht mehr miterlebt. Er kam vor sieben Jahren ums Leben, als er bei einer Bergwanderung abstürzte. Es hieß deshalb, auf dem Ötzi laste ein Fluch. Glauben Sie daran?

Freilich macht man sich Gedanken, weil ja so viele Menschen verunglückt sind, die etwas mit dem Ötzi zu tun hatten, insgesamt sechs oder sieben, so genau beobachte ich das nicht. Ein Gerichtsmediziner starb 1992 auf dem Weg zu einem Ötzi-Vortrag bei einem Autounfall. Der Archäologe, der Ötzi in Innsbruck betreut hatte, starb 2005 an einer Krankheit, außerdem sind verschiedene andere gestorben. Aber das ist ja auch eine große Zeitspanne, die Menschen wären ohne den Ötzi sicher auch gestorben. An einen Fluch glaube ich nicht.

Noch immer wird viel am Ötzi geforscht. Vor kurzem wurde seine DNA entschlüsselt. Und in seinem Magen wurde Steinbockfleisch gefunden. Verfolgen Sie das alles noch?

Wenn es in der Zeitung steht, lese ich das, aber verfolgen in dem Sinn nicht. Ich finde das nicht mehr so arg interessant.

Gehen Sie manchmal noch an die Fundstelle?


Mit meinem Mann war ich noch ein paar Mal oben, zum Beispiel 1996 zum Fünfjährigen. Jetzt mache ich das nicht mehr. Ich könnte zwar, aber ich mag nicht mehr. Ich geh bei uns in der Fränkischen Schweiz mit Bekannten wandern oder Radfahren, aber so große Bergtouren mache ich nicht mehr.

Und zum zwanzigsten Jubiläum?


Der Tourismusverband Ötztal lädt mich immer wieder ein, im Mai habe ich zur Saisonseröffnung im Ötzi-Dorf ein Feuer entfacht. Zum Jubiläum am Montag will ich auch hin, vielleicht fliegen sie mich auch mit dem Hubschrauber rauf zur Fundstelle. Da soll es ja ein großes Fest geben.

Haben Sie sich in den vergangenen 20 Jahren auch mal gewünscht, Sie hätten die Abkürzung am Tisenjoch nicht genommen?

Na ja, das Ganze hat freilich unser Leben verändert, und manchmal ist es auch schwierig gewesen. Die Medien haben viel Verkehrtes geschrieben, gerade über die Geldsache. Furchtbar! Zum Jubiläum wird es noch mal einen großen Rummel geben, da denke ich schon manchmal: Da haben wir was angestellt. Wenn wir zehn Meter weiter gegangen wären, gäbe es das alles nicht.


Quelle:
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/umwelt/oetzi-finderin-erika-simon-wir-dachten-das-sei-ein-toter-bergsteiger-11290181.html