Geolino Extra "Archäologie" (August 2016)
Ein neuer Leibarzt für Ötzi
Mehr als 5000 Jahre lang ruhte die Mumie von Steinzeitmann Ötzi im Gletschereis der Ötztaler Alpen. Inzwischen liegt sie im Südtiroler Archäologiemuseum. Dort kümmert sich ab August der Gerichtsmediziner Oliver Peschel um Ötzis Wohlergehen. Im Interview erzählt er, welche Pflege so eine Mumie braucht - und wie sie eigentlich riecht.
Text: Simone Müller
GEOLINO EXTRA: Herr Peschel, warum braucht Ötzi einen Arzt, wo er doch seit Jahrtausenden tot ist?
Oliver Peschel: Ötzi ist eine der ältesten Mumien, die wir in unserer Gegend überhaupt haben. Er macht uns ein ganz großes Fenster auf in eine Zeit, aus der wir sonst nur Gegenstände finden. Ötzi zeigt uns, warum wir so geworden sind, wie wir sind - auch weil er sehr gut erhalten ist. Damit das so bleibt, kümmere ich mich als "Konservierungsbeauftragter für den Mann aus dem Eis" um ihn wie ein Arzt um seinen Patienten.
GEOLINO EXTRA: Wie pflegeleicht ist er denn, ihr Patient?
Oliver Peschel: Man muss auf den Ötzi schon ein Auge haben. Wichtig ist, dass er immer feucht gehalten wird. Er war ja über tausende von Jahren im Eis eingeschlossen und ist eine Feucht-Mumie. Wenn sie austrocknet, würden Bakterien und Pilze das Gewebe befallen, sodass es zerfällt. Die Mumie liegt daher in einem Raum, der auf minus sechs bis sieben Grad Celsius heruntergekühlt ist. Die Wände darin sind mit Fliesen aus Eis bedeckt, auch der Ötzi selbst ist mit einer Eisschicht überzogen.
GEOLINO EXTRA: Und was können Sie für ihn tun?
Oliver Peschel: Ziemlich viel. Ein- bis zweimal im Monat bekommt der Ötzi eine Befeuchtungsbehandlung. Ich schaue mir dann erst einmal an, wo er trockene Stellen hat. Das erkenne ich mit bloßem Auge: Dort, wo zu wenig Feuchtigkeit ist, ist die Eisschicht dünner - ein Warnzeichen. Meistens genügt es, die entsprechenden Stellen mit Wasser einzusprühen. Manchmal muss man den Ötzi aber auch abtauen und baden, damit sich das Gewebe bis in tiefere Schichten mit Flüssigkeit vollsaugen kann.
GEOLINO EXTRA: Das klingt, als würden Sie Ihren neuen Patienten schon ziemlich gut kennen...
Oliver Peschel: Ja, mein Vorgänger hat mir vieles gezeigt. Es gibt ja schließlich keine Ausbildung zum Mumien-Arzt. Außerdem habe ich den Ötzi als Gerichtsmediziner schon wissenschaftlich untersucht. Im Jahr 2010 haben Kollegen festgestellt, dass der Magen von Ötzi eigentlich ganz gut gefüllt ist. Daraufhin haben wir Teile des Mageninhalts entnommen und genauer betrachtet. Seitdem wissen wir unter anderem, dass Ötzi in seinen letzten Stunden Steinbockfleisch, Brot und Gemüse gegessen hat.
GEOLINO EXTRA: Wie riecht so ein Mageninhalt, wenn man ihn nach Tausenden von Jahren herausholt?
Oliver Peschel: Das ist ein ganz bröckeliges Zeug, mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Es riecht nicht so, wie wir uns das bei einem Mageninhalt vorstellen - sondern nach gar nichts. Die Mumie an sich duftet übrigens zwar nicht nach Lavendel. Aber es könnte schlimmer sein...
GEOLINI EXTRA: Stimmt. Als Gerichtsmediziner hatten Sie bereits unzählige Leichen auf Ihrem Tisch. Was ist an Ötzi so besonders?
Oliver Peschel: Mich fasziniert, dass Ötzi wohl einem Mord zum Opfer fiel und durch einen Pfeilschuss getötet wurde. Vor mehr als 5000 Jahren!
GEOLINO EXTRA: Aha, erzählen Sie...
Oliver Peschel: Wir wissen, dass Ötzi eine wenige Tage alte Verletzung an der Hand hatte. Sie lässt darauf schließen, dass er kurz vor seinem Tod angegriffen wurde und die Hand zum Schutz über sich gehalten hat. Anschließend zog er aus dem Schnalstal hoch in die Berge. Hat ihn jemand verfolgt und getötet? Das ist noch nicht ganz klar.
GEOLINO EXTRA: Glauben Sie, dass Sie der Mumie auch ihre letzten Geheimnisse entlocken werden?
Oliver Peschel: Einige davon bestimmt. Mit neuen Techniken werden wir in einigen Jahren noch besser in die Mumie hineinschauen können. Dann muss ich abwägen: Wie wichtig könnten die Erkenntnisse sein? Und wie groß der Schaden, den wir der Mumie zufügen? Wie wollen den Ötzi schließlich bewahren. Und zwar nicht bloß als Foto oder Kopie, sondern als Originalmumie.