Eine Gruselgeschichte...
Die Gruselgeschichte beginnt an am 19. September 1991. An diesem Tag war das Ehepaar Simon (aus Nürnberg) in den Alpen unterwegs.
An diesem Tag im September lag noch kein Schnee. Das bedeutet, dass man noch wandern und bergsteigen konnte. Die Simons waren erfahrene und begeisterte Bergwanderer. Auch wenn kein Schnee lag, war es doch schon sehr kalt.
Das Gebiet, in dem die beiden unterwegs waren, heißt "Ötztaler Alpen". So sieht es in den Ötztaler Alpen aus:
Die Ötztaler Alpen gehören fast vollständig zu Österreich. Ein kleiner Teil gehört aber zu Italien.
Das Besondere an den Ötztaler Alpen ist, dass es dort sehr viele Höhenlagen gibt. Gebiete mit vielen Höhenlagen nennt man "Hochgebirge".
"Hochgebirge" bedeutet:
- Sehr viele Berge sind über 3500 Meter hoch.
- Es ist hier sehr kalt.
- Das Wetter ist unberechenbar. Es wechselt schnell. Man weiß nie, wie das Wetter in der nächsten Stunde ist.
Aber die hohen Berge faszinieren auch die Menschen. Deshalb sind die Ötztaler Alpen sehr beliebt bei Wanderern und Bergsteigern. Unser Ehepaar aus Nürnberg besteigt an besagtem Tag, dem 19. September 1991, einen Berg namens "Weißkugel"...
Geplant war, zuerst den Berg Weißkugel zu erklimmen und von dort zur "Fineilspitze" hinüber zu laufen.
Von der Fineilspitze wollten die Simons dann hinab ins Tal steigen, und zwar zur Similaunhütte.
Hier ist der geplante Weg markiert.
Herr Simon entscheidet dann aber spontan, nicht den geplanten Weg zu nehmen, sondern eine Abkürzung.
Diese Abkürzung führt die Simons an einer Mulde vorbei. Diese Mulde befand sich genau vor einer Felswand. Von oben floss Schmelzwasser herunter und sammelte sich in der Mulde, so dass sie zu einer großen Pfütze wurde. Um keine nassen Füße zu bekommen, mussten die Simons um die Pfütze herumlaufen.
Die Entdeckung
Beim Umrunden der Pfütze entdeckt Erika Simon etwas Braunes. Zuerst regt sie sich fürchterlich auf, dass rücksichtslose Wanderer ihren Müll in die Schmelzwasser-Pfütze geworfen hätten.
Doch beim genaueren Hinsehen entdeckten die beiden Wanderer, dass das Braune kein Müll war - SONDERN EIN MENSCH.
Der Hinterkopf und der Rücken guckten aus dem Wasser.
Die beiden Wanderer waren total geschockt und wollten schnell von der gruseligen Stelle wegrennen. Vorher machten sie aber ein Foto. Und zwar genau dieses Foto:
Die beiden vermuteten, dass es sich bei dem Toten um einen Bergsteiger handelt, der hier vor kurzem verunglückt sein musste. Sie gingen schnell hinab ins Tal. Denn sie waren immer noch total geschockt und wollten erst einmal wieder unter Menschen sein und über ihre Entdeckung reden.
In der Similaun-Hütte fragten die beiden, ob ein Bergsteiger vermisst wird. Die Hüttenbetreiber wussten davon aber nichts. Daraufhin informierten die Simons die Polizei über ihre schockierende Entdeckung.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht vom gruseligen Fund. Der berühmte Bergsteiger Reinhold Messner begab sich zur Fundstelle, um den Toten im Eis zu begutachten. Hier erzählt Reinhold Messner von der Begegnung.
Die Bergung
Die Polizei möchte den Toten so schnell wie möglich identifizieren. Irgendwo sitzt eine Familie im Ungewissen und soll die schreckliche Nachricht schnell erhalten.
Doch um die Identität des Toten zu ermitteln, muss er erst einmal ins Tal gebracht werden. Das geht nur mit einem speziell ausgebildeten Bergungstrupp und einem Hubschrauber.
Aufgrund eines plötzlichen Kälteeinbruchs wird die Bergung extrem kompliziert. Der Tote friert in der Pfütze fest. Außerdem fließt von oben immer neues Schmelzwasser nach.
Außerdem schneit es immer wieder.
Bei diesen ungemütlichen Arbeitsbedingungen entscheiden die Bergungsleute, schnell und rabiat zu arbeiten. Der Tote wird mit einem Skistock aus dem Eis geklopft und unsanft herausgezogen. Dabei wird der Körper beschädigt. Die Bergungsleute finden das nicht so schlimm - auch mit ein paar Rissen wird man den Toten doch noch identifizieren können!
In der Nähe der Schmelzwasserpfütze werden einige Gegenstände gefunden, die dem Toten gehört haben müssen.
Wie man sieht, war der Tote zum Zeitpunkt der Bergung von Schnee und Eis umgeben.
Hier sehr ihr die Skistöcke, mit denen der Tote freigeklopft wurde.
Dann wird er angehoben...
... und unsanft abtransportiert.
In einem Bergungssack, der an den Hubschrauber gehängt wurde, wurde der Tote nach Vent geflogen. Auch die gefundenen Gegenstände werden mitgenommen.
In Vent...
übergab man den Toten der Gerichtsmedizin. Dort sollte DNA entnommen werden.
Die Datierung
Die Gerichtsmediziner sollten schätzen, wie lange der Mensch schon tot ist. Ergebnis: Der Mensch ist...
10 bis 20 Jahre tot!
Gibt es eine Person, die schon so lange vermisst wird? Nein! Also sollten die Gerichtsmediziner den Toten noch einmal genauer untersuchen. Danach korrigierten sie ihre erste Vermutung. Der Mensch ist wahrscheinlich...
50 Jahre tot!
Weil die Altersbestimmung so wichtig ist und so große Unterschiede in den Ergebnissen bestanden, sollte der Todeszeitpunkt endlich ganz genau erfasst werden - mit der Kohlenstoffmethode. Ergebnis der Kohlenstoffmethode: Der Mann ist viel länger tot als 50 Jahre. Er ist wahrscheinlich kein Fall für die Kriminalpolizei, sondern für die Geschichte! Nun wird endlich mal ein Archäologe hinzugezogen. Der Archäologe wirft einen Blick auf die Gegenstände, die neben dem Toten gefunden wurden und sagt: Der Mensch ist mindestens...
4000 Jahre tot!
Wenn das stimmt, wäre es eine Weltsensation! Denn noch nie wurde ein Mensch aus dieser Zeit gefunden, der
- noch so gut erhalten war - sogar mit Haut,
- vollständig bekleidet war,
- so viele Gegenstände bei sich hatte und
- so plötzlich aus dem "wahren" Leben gerissen wurde.
Es gibt zwar ägyptische Mumien aus der Zeit. Diese werden aber kunstvoll aufbereitet und geschmückt und verraten nichts mehr über das wahre Leben des Pharao.
Aber zurück zum gruseligen Fund:
Die erste Nachgrabung
Anfang Oktober 1991 wurden Forscher zur Fundstelle geschickt, um nach weiteren Gegenständen und Hinweisen zu suchen. Sie fanden Teile einer Grasmatte, Leder- und Fellreste, Teile eines Birkenrinde-Gefäßes, Schnüre und Holzstücke. Jedoch beginnt es so heftig zu schneien, dass die Untersuchung abgebrochen werden muss. Die Fundstelle versank für viele Monate unter einer sieben Meter hohen Schneedecke!
Die zweite Nachgrabung
Erst im Sommer des nächsten Jahres kann es weitergehen. Wieder werden Archäologen zur Fundstelle geschickt, um diese weiter zu untersuchen:
- Die Schmelzwasser-Pfütze wird genau vermessen.
- Eine Grabungsskizze wird angefertigt.
- Eine 2 Meter hohe Schneedecke wird weggeschaufelt.
- Mit Fön und Dampfstrahler werden Eisflächen zwischen den Steinblöcken und Felsritzen geschmolzen.
- Das Wasser aus der Schmelzwasser-Pfütze wird mit Schläuchen abgepumpt, gesiebt und gefiltert.
- Beim Sieben werden kleinste pflanzliche, tierische und menschliche Partikel aufgefangen.
- Beim Filtern werden Gräser, Moos, Blätter, Holzkohlepartikel, Haare und Insektenteile sichergestellt.
- Im Bodenschlamm werden Hautpartikel, Muskelfasern, Blutgefäße und Fingernägel gefunden.
- Die gefundenen Gegenstände werden genau vermessen, maßstabsgetreu gezeichnet und fotografiert.
- Die gefundenen Gegenstände werden in die Grabungsskizze eingetragen.
Die Fundstelle wird eingerichtet.
Rohre werden gelegt, durch die Wasser abfließen soll.
Durch Schläuche wird Wasser abgepumpt.
Jeder Quadratzentimeter wird gesiebt.
Doch es wird nicht nur gegraben. Wichtig ist auch, nun endlich Gewissheit zu bekommen über das genaue Alter des gefundenen Toten. Nach den vielen falschen Berechnungen will man nicht mehr einem Forscher glauben. Statt dessen beauftragt man gleich vier archäologische Institute, das genaue Alter der Mumie zu ermitteln - und zwar unabhängig voneinander! Die Institute dürfen sich während der Berechnung nicht austauschen. Alle sollen wirklich selber rechnen, damit man dann die Zahlen vergleichen kann. Alle kommen zum gleichen Ergebnis: Der Mann lebte im Zeitraum zwischen 3350 und 3100. Er ist also ungefähr...
5300 Jahre tot!
Die Weltsensation ist wahr geworden. Alle beteiligten Forscher können es nicht fassen.
Nun stürzen sich die Medien auf die Geschichte. Tagelang berichten Fernsehen, Zeitungen und Radio auf der ganzen Welt von dem einzigartigen Fund.
Nur... wie heißt der Tote aus dem Eis eigentlich? Nach 5300 Jahren kann natürlich keiner mehr seinen Namen herausbekommen. Die Medien erfinden einen Spitznamen. Weil der Mensch in den Ötztaler Alpen gefunden wurde, nennen sie ihn "Ötzi".