Die Schattenseiten der "Entdeckungsfahrten"

Im Jahr 2020 jährte sich die Weltumsegelung Magellans zum 500. Mal. Ein Grund zum Feiern? 
Für eine Terra-X-Dokumentation über Ferdinand Magellan sprachen die Filmemacher mit einigen Angehörigen der Kawésqar. Das ist einer der Stämme, die seit jeher in der Gegend der "Magellanstraße" leben. Letitia Caro, die Sprecherin der Kawésqar, sagte folgendes:

"Wir feiern die 500 Jahre nicht,

denn sie bedeuten den Beginn des Verschwindens unserer alten Kulturen. Es folgten Vergewaltigungen, Schikanen, Tod, das Verschwinden unserer Identität. Und dieser Ort hieß nicht immer Magellanes, dieser Ort heißt Tawésqar, er war Teil des Territoriums der Kawésqar. Die Europäer haben hier überhaupt nichts entdeckt. Sie haben die Einheimischen geraubt und verschleppt, auch nach Deutschland, wo sie sogar in Menschenzoos gesteckt wurden."

Der hinter uns liegende Themenkomplex hieß "Die Entdeckung der Welt". Aus der Sicht der Europäer war es die "Entdeckung der Welt". Denn spanische und portugiesische Seefahrer sind aufgebrochen, um unentdeckte Gebiete zu erkunden. Dazu gehörte viel Mut und Risikobereitschaft. Dank der Erkundungstouren der Seefahrer wurden die letzten weißen Flecken auf der Weltkarte Stück für Stück bunt.

Aus der Sicht der entdeckten Gebiete war die Ankunft der Europäer kein Grund zur Freude. Denn die Europäer traten den Menschen in der "Neuen Welt" von Anfang an und im ganzen "Entdeckungsprozess" nicht auf Augenhöhe gegenüber. Sie zeigten keinerlei Respekt gegenüber der Lebensweise der Eingeborenen und betrachteten diese von Anfang als Untertanen und als Sklaven.

Die Seefahrer sind auch weniger aus Abenteuerlust und Neugier aufgebrochen, sondern eher aus Gier und Machtbesessenheit. Sie sind immer mit einem Besitzanspruch losgezogen:

1. Ein Gebiet, die ich als Erster Europäer betrete, gehört meinem König.
2. Bodenschätze und andere Kostbarkeiten (z.B. edle Gewürze), die es dort gibt, gehören meinem Land und ich bekomme einen stattlichen Anteil.
3. Über die Fläche darf ich frei entscheiden. Ich darf dort Festungen bauen, Felder anlegen oder das Land an meine Seeleute verschenken.
4. Die Menschen auf dem neu entdeckten Gebiet gehören meinem Land. Ich als Vertreter meines Landes entscheide, wie mit den Menschen umgegangen wird.

"Entdecken" bedeutet "besitzen"

Die Europäer sind also mit dem Anspruch um die Welt gereist, dass sie alles in Besitz nehmen können, was ihnen begegnet und was noch kein anderer Europäer vorher in Besitz genommen hatte.
Man muss sich das einmal aus der Sicht der "entdeckten" Menschen vorstellen, die die Verhaltensweisen der Eindringlinge gar nicht verstanden haben. 

  1. Zuerst rammte der Kapitän der Flotte eine Flagge seines Heimatlandes in den Boden. Durch dieses Ritual nahm der Kapitän das Gebiet offiziell für seinen König in Besitz. Obwohl eindeutig Menschen auf dem Gebiet lebten und die Besitzverhältnisse vermutlich unter ihnen geklärt waren.
  2. Das eben betretene Land bekommt einen neuen Namen, der den Entdecker, das Heimatland oder den König des Heimatlandes ehrt. Das das Gebiet schon einen Namen hat, interessierte die Europäer nicht. 
  3. Dann wurden die anwesenden Einheimischen wie Zootiere begutachtet. Dabei hat man sie auf ihre Arbeitsfähigkeit hin untersucht. 
  4. Relativ schnell wurde den Einheimischen dann symbolisch Wasser über den Kopf geschüttet, um sie zu "taufen" und sich zuhause rühmen zu können, man hätte die Fremden vom christlichen Glauben überzeugt.


Bis heute ist es eine große Sache, wenn ein neues Medikament entdeckt wird. Es wurde im Labor zusammengemixt und es war vorher nicht da. Jetzt wurde es endlich "entdeckt". Die amerikanischen und asiatischen Gebiete jedoch war schon lange da, als die ersten europäischen Schiffe dort anlegten. Die Menschen lebten dort nach ihren Regeln und sie nutzten die Landschaft, wie sie es wollten. Sie sind also überhaupt nicht "entdeckt worden"!

Stellt euch einmal vor, hier tauchen Menschen eines für uns unbekannten Volkes auf. Ohne lange Begrüßungsrituale markieren sie unsere Fläche als ihre Fläche. Dann verteilen sie das Land, auf dem wir leben, unter sich. Wir können nur tatenlos danebengehen und zusehen. Wir verstehen nicht, was die Menschen tun, weil wir ihre Sprache nicht verstehen. Vielleicht schüchtern sie uns ein, weil sie für uns unbekannte Waffen tragen. Dann begutachten und vermessen sie uns, tragen irgendwelche Ergebnisse in ihre Notizbücher ein, um uns dann zur Arbeit einzuteilen.
Unvorstellbar - aber vor 500 Jahren in Amerika und Asien bittere Realität. Kein Wunder, dass die Kawésqar ihre "Entdeckung nicht feiern wollen...

Doch was passierte genau in den entdeckten Gebieten?


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